Weltfrauentag: Die Unbekannte zu Jesu Füßen

von Bettina Furchheim

Sonntag, 07.03.2021

Zeichnung von Jesus mit einer Frau
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Zahlreiche Bibelgeschichten zeigen: Frauen gehörten genauso zur Gefolgschaft Jesu wie Männer.

Es waren Frauen, die am Ostermorgen das leere Grab entdeckten, die auf Jesus trafen und die Botschaft von seiner Auferstehung als erste in die Welt trugen. Ohne Frauen gäbe es demnach weder Christentum noch Kirche. Trotzdem wurden sie lange klein gehalten

Zu Beginn der Kirchengeschichte – im Urchristentum – war das noch anders, wie Sabine Bieberstein, Professorin für Neues Testament an der katholischen Universität Eichstätt, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt: „Dass Frauen ganz bemerkenswerte Funktionen eingenommen haben in diesen frühen Gemeinden, das ist nicht wegzudiskutieren. Da werden ganz interessante Titel verwendet, wie die Phoebe, die als Diakonos [„Diener/in“] und Prostatis [„Beschützer/in“] der Gemeinde von Kenchräa bezeichnet wird. Es gibt die Junia, die als Apostolos bezeichnet wird – also, dass es diese Frauen gegeben hat, dass sie verkündigend tätig waren, dass sie auch leitende Funktionen hatten, das ist einigermaßen Konsens in der Forschung“.

Daran ändert selbst der Apostel Paulus nichts, von dem im Korintherbrief der Bibel (1.Kor, Kap.14, Verse 33b-36) der Satz überliefert ist: „Das Weib schweige in der Gemeinde“. Dem hält der Theologe Prof. Bernhard Heininger entgegen: „Generell möchte ich mal hinzufügen, dass ein Viertel aller Mitarbeiter des Paulus, die im Neuen Testament genannt werden, Frauen sind. Die sich in vielfältiger Weise in die Missionsarbeit einbringen.“

Wie konnte es dann im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte dazu kommen, dass Frauen und ihr Wirken immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurden? Dass vor allem Ämtervergabe und Einfluss in der frühen Kirche plötzlich den Männern vorbehalten war? Eine mögliche Erklärung besteht aus Sicht von Prof. Sabine Bieberstein darin, dass in der altgriechischen Sprache, in der die frühen biblischen Überlieferungen verfasst wurden, Männer als Norm und Maßstab galten.

Personengruppen, die aus Männern und Frauen bestanden, wurden deshalb im Plural mit einem männlich konstruierten Wort bezeichnet. Diese Praxis ist auch aus der deutschen Sprache als „generisches Maskulinum“ bekannt. Dabei wird die männliche Form – z.B. „Lehrer“ – abstrahierend gebraucht, die weibliche Form („Lehrerin“) ist quasi mit gemeint und eingeschlossen.

Diese „Männlichkeitsfixierung“ der altgriechischen Sprache bleibt bei einer vor allem auch schriftlich festgehaltenen und tradierten Glaubenslehre wie dem Christentum nicht ohne Folgen, meint Prof. Sabine Bieberstein: „Die Perspektive geht Richtung Männer und deren Aktivitäten. (…) Frauen kommen in dieser Wirklichkeitswahrnehmung erst mal nicht als allererste vor. Und von daher sind es auch nicht umfangmäßig sehr viele Texte, die wir haben“. Daher erschienen die Anfänge des Christentums männerdominiert.

Von der Sprache vermeintlich gestützt, entwickelte sich im weiteren Verlauf auch die tatsächliche Gestalt der Kirche hin zu patriarchalen Strukturen. Bis heute gilt in der katholischen Kirche der Grundsatz, dass Jesus nur Männer zu seinen Jüngern und späteren Aposteln berufen habe. Deshalb sei zum Beispiel eine Priesterweihe für Frauen nicht möglich. Doch die theologische Forschung liefert inzwischen Gegenargumente, zum Beispiel anhand der Person der Junia, die der Apostel Paulus im Römerbrief der Bibel erwähnt.

Dort schreibt er: „Grüßt Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren, sie sind angesehene Apostel, die sich schon vor mir zu Christus bekannt haben.“ Laut Deutschlandfunk sprachen bereits die „Kirchenväter“ – also die frühesten Interpreten des Neuen Testaments - von Junia mit Hochachtung: „Johannes Chrysostomos, der von 344 bis 407 nach Christus lebte, schreibt über Junia: »Ein Apostel zu sein ist etwas Großes. Aber berühmt unter den Aposteln – bedenke, welch großes Lob das ist. Wie groß muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde«. In der Lutherbibel und in der Einheitsübersetzung steht statt Junia allerdings bis heute ein anderer Name: Junias – ein Mann.“

Und Jesus? Wie ist er den Frauen begegnet? Wie hat er sie behandelt? Das Internetportal evangelisch.de schreibt dazu mit Blick auf die überlieferten biblischen Geschichten: „Sie gehörten genauso zu seiner Gefolgschaft wie Männer. Er lehrte sie nicht nur, sondern wies ihnen oftmals eine Schlüsselrolle zu.“ Ein typisches Beispiel hierfür ist die Geschichte von der Samariterin, mit der Jesus an einem Brunnen zusammentraf. Ihr vertraute er „das an, was er bisher noch niemandem gesagt hatte, nämlich, dass er der Messias ist. Jesus nahm sie als Diskussionspartnerin ernst und sprach auf Augenhöhe mit ihr, auch über die Glaubenskonflikte zwischen den Samaritern und Juden. Ein theologisches Gespräch am Brunnen – mit einer Frau! Das konnten selbst die Jünger, die ja schon einiges von Jesus gewohnt waren, nicht fassen.“ Noch mehr Beispiele wie die von Marta und Maria finden sich hier: https://www.evangelisch.de/inhalte/156130/21-05-2019/jesus-und-die-gleichberechtigung

Übrigens: Die Geschichte von der Unbekannten zu Jesu Füßen findet Ihr unter https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/LUK.7/Lukas-7 ab Vers 36 unter der Überschrift „Jesu Salbung durch eine Sünderin“

Sonntag, 07.03.2021