Tastatur statt Telefon: Die Chatseelsorge

von Elke Saur

Sonntag, 01.12.2019

Werbeplakat der Telefonseelsorge
2016 feierte die Telefonseelsorge in Deutschland ihr 60jähriges Bestehen. Ihre Seelsorgeangebote via Internet sind da noch vergleichsweise jung.

Pro Jahr nimmt die Telefonseelsorge in Deutschland mehr als 1,8 Millionen Anrufe entgegen. Ratsuchende können aber auch das Internet nutzen: Seit 24 Jahren ist die Telefonseelsorge auch per E-Mail und seit 14 Jahren per Chat erreichbar.

Es waren hauptamtliche Telefonseelsorger/innen in Hagen, Köln und Krefeld, die 1995 die ersten Seelsorgeangebote per Internet entwickelten und ausprobierten. "Am Anfang war der Nutzer männlich, jung, mit akademischen Hintergrund und es ging häufig um Suizid", erinnert sich Gunhild Vestner, Leiterin der Telefonseelsorge Recklinghausen. "Heute sind die Ratsuchenden ganz überwiegend weiblich. Mehr und mehr melden sich auch ältere Frauen und Männer und Menschen,  und sie kommen aus unterschiedlichen Schichten und Milieus. Das heißt, die Reichweite der Internet-Seelsorge ist deutlich größer geworden. Nach wie vor geht es im Chat häufig um die quälenden Gedanken an Selbsttötung, aber auch um selbstverletzendes Verhalten und um die Erfahrung mit sexualisierter Gewalt."

Die Möglichkeit, per Mail oder im Chat schriftlichen Kontakt zur Telefonseelsorge aufzunehmen, wird vor allem von den jüngeren Generationen genutzt, für die das Internet selbstverständlich zum Leben dazugehört. Besonders stark vertreten sind deshalb die 12- bis 40jährigen. "Das Internet ist einfach ihr Medium und Schreiben ist für sie eine wichtige Kontaktmöglichkeit", sagt Gunhild Vestner. Andererseits würden Mail und Chat von Ratsuchenden genutzt, für die die Anonymität des Internets besonders wichtig sei. Menschen, die traumatisierende Situationen durchlitten hätten, bräuchten den Schutz der Anonymität und gleichzeitig die Nähe und die Begegnung, die im Internet möglich sei: "Nähe erleben in sicherer Distanz, das ist die besondere Chance der Telefonseelsorge im Internet."

Heute bieten 35 Stellen der Telefonseelsorge zusätzlich Mailberatung an - u.a. Bielefeld, Köln, Paderborn, Münster, Hagen, Siegen, Niederrhein, Aachen, Bonn, Düsseldorf, Düren/Heinsberg und Duisburg. 34 Stellen engagieren sich in der Chatberatung. Insgesamt stehen Ratsuchenden damit bundesweit 700 qualifiziert ausgebildete Ehrenamtliche zur Verfügung, die jederzeit online erreichbar sind: 365 Tage im Jahr. Das Angebot hat sich bewährt: Bundesweit gibt es pro Jahr 21.000 Email-Anfragen und über 6.000 Chatkontakte. Für die nächsten Jahre ist ein weiterer Ausbau der Seelsorge im Internet zu erwarten.

Der Vorteil der schriftlichen Kommunikation besteht nach Ansicht der stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge Hagen-Mark, Birgit Knatz, für die Ratsuchenden darin, "dass ich mit mir selber erst mal meine Gedanken sortieren und ordnen kann und die dann in eine Tastatur gebe und das Ganze noch mal kontrollieren kann und dann erst abschicke. Und dieses Gefühl von selbst kontrollieren zu können, was da geht, gibt vielen Menschen eine Sicherheit." Ein weiterer Vorteil: Wer bei der Telefonseelsorge anruft, hat selten den gleichen Gesprächspartner in der Leitung. Die Berater wechseln. Das ist beim Mailen anders: Hier bleibt der Seelsorger immer derselbe.

Genau wie bei der telefonischen Kontaktaufnahme sind generell auch bei der Online-Seelsorge Anonymität, Ideologie- und Kostenfreiheit oberste Prinzipien.  Die Sicherheit – insbesondere bei der Seelsorge via e-mail – hat ebenfalls höchste Priorität. Deshalb muss jeder, der z.B. online bei der Telefonseelsorge um Rat sucht, beim Erstkontakt auf der Internetseite www.telefonseelsorge.de einen persönlichen Zugang ("account") einrichten, über den dann anschließend die gesamte Kommunikation abgewickelt wird. So wird verhindert, dass die vertraulichen e-mails zwischen Kunde und Seelsorger ungeschützt über normale Server abgewickelt werden, die von unbefugten Dritten abgefangen und gelesen werden könnten.

Sonntag, 01.12.2019