KI-Gottesdienst beim DEKT: Reaktionen

von Achim Stadelmaier

Sonntag, 25.06.2023

Podiumsdiskussion beim Kirchentag 2023
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Sie diskutierten über den KI-Gottesdienst (v.l.): KI-Künstler Jonas Simmerlein, Technikanthropologin Dr. Anna Puzio, Kirchenrat Ralf Peter Reimann, die Rundfunkbeauftragte der Ev. Kirche in Bayern Melitta Müller-Hansen und Moderator Dr. Jürgen Pelzer

Der allein von ChatGPT gestaltete KI-Gottesdienst während des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages hat in der Medienwelt ein breites Echo ausgelöst. Auch unter den Besuchern gingen die Meinungen zu dieser Deutschlandpremiere auseinander.

Im Anschluss an den Gottesdienst wurde sowohl im Publikum als auch in der Expertenrunde im Altarraum immer wieder die Frage diskutiert, wie die KI reguliert werden kann, wo es Grenzen geben soll und muss. Daneben wurden aber z.B. auch Sprache und Präsentation des KI-Gottesdienstes hinterfragt. In einer Pressemitteilung des Kirchentages heißt es dazu: „Einig war sich das Podium, dass KI keinen Ersatz für Menschen im Gottesdienst schaffen kann. Wer predigt, einen Gottesdienst leitet, schöpft aus dem persönlichen Erfahrungsraum, während die KI ein Kollektiv von unzähligen Texten von tausenden Menschen als Grundlage nimmt. So kann keine Beziehung zwischen predigender Person und Gemeinde geschaffen werden, die aber essenziell für das Gottesdienst-Erlebnis ist. Ralf Peter Reimann, Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland, weist in diesem Zusammenhang auch noch auf einen weiteren Fallstrick hin: Welches Kollektiv ist eigentlich die Grundlage für die KI-generierten Texte? Fehlen vielleicht wichtige Stimmen für eine ausgewogene Meinungsbildung? Die Gefahr, dass fundamentalistische Strömungen hier stärker repräsentiert werden, ist real.“

Die Rückmeldungen aus dem Kreis der Besuchenden seien überwiegend kritisch gewesen, berichtet die Online-Plattform evangelisch.de nach dem Gottesdienst und listet auf: „Zu unpersönlich, zu emotionslos, keine Bewegung im Altarraum, keine Atmosphäre, die Musik »wie im Fahrstuhl«.“ Kritik kam auch von der Rundfunkbeauftragten der bayerischen Landeskirche, Melitta Müller-Hansen: „Die Gebetssprache ein einziges Geschwätz, der Ablauf ohne Dramaturgie, die wunderbare Kunst des Sprechens geht verloren, der Glaube funktionalisiert mit Aussagen wie »du musst, du sollst«. Spricht die KI im Namen Gottes?"

In einem Beitrag für die Internetseite theonet.de fasst der Theologe und Diplom-Informatiker Ralf Peter Reimann seine Eindrücke aus dem KI-Gottesdienst so zusammen: „Über Avatare wurden die erstellten Texte visualisiert, so dass die Wahrnehmung entstand, die KI führe wie ein Liturg bzw. wie eine Pastorin durch den Gottesdienst. Diese Avatare sind jedoch technische Konstrukte und keine Personen mit einer ihnen eigenen Persönlichkeit. Persönlich fand ich es daher schwierig, wenn der Avatar von »wir« sprach und damit sich und die Gemeinde meinte. In der Auseinandersetzung mit dem KI-Gottesdienst zeigt sich, was Gottesdienste auszeichnet. Der KI-Gottesdienst vom Kirchentag wird dadurch zu einem Spiegel für präsentische (oder auch digitale) Gottesdienste. Hier einige Stichpunkte:

  • Die Persönlichkeit der Liturgin oder des Pastors ist wichtig, sonst wäre der Avatar nicht als langweilig kritisiert worden.
  • Ähnliches gilt für die Predigt: ChatGPT liefert einen Durchschnitt dessen, was es im Netz gibt. Auch hier wird für Gottesdienste mehr Persönliches erwartet, eben keine allgemeinen Aufforderungen: „Der Text zeigt uns, wir sollen …“
  • Die Avatare waren eine Frau und ein POC-Mann: Diversität täte auch normalen Gottesdiensten gut. Für Lesungen und Gebete lassen sich noch weitere Menschen außer Pfarrpersonen einbeziehen.
  • Interaktionen zwischen den handelnden Personen und der Gemeinde sind wichtig, im KI-Gottesdienst gab es diese nur eingeschränkt.
  • Die Avatare agierten statisch auf einer Leinwand im Altarraum. Dies wurde als eintönig wahrgenommen, im normalen Gottesdienst werden verschiedene liturgische Positionen eingenommen, z.B. vor dem Altar, auf der Kanzel, am Ambo. Das Fehlen eines Positionswechsels wurde als Manko wahrgenommen.“

Kritik am Setting des KI-Gottesdienstes äußerte der Medientheologe Dr. Karsten Kopjar auf seiner Internetseite: „Wenn die KI auf einer Leinwand erscheint, die Kreuz und Altar verdeckt, wirkt es eher, als würden wir die Maschine anbeten als durch sie zu Gott hin geleitet zu werden.“ Grundsätzlich sei gegen den Einsatz von KI aber nichts einzuwenden, findet Kopjar: „Wer sich in neue Themen einarbeitet, nutzt ja ohnehin schon Google, Wikipedia oder wissenschaftliche Bibelkommentare, um sich das Wissen von anderen zunutze zu machen. Es spricht also nichts dagegen, auch GPT um Hilfe zu bitten (außer der fehlenden Quellenangaben, aber daran lässt sich sicherlich arbeiten).“

Weitere Berichte über den KI-Gottesdienst auf dem Evangelischen Kirchentag finden sich bei der TAZ und beim Bayrischen Rundfunk.

Sonntag, 25.06.2023