Gipfelkreuze: stumme Zeugen der Dankbarkeit

von Joachim Gerhardt

Sonntag, 10.07.2016

Menschen auf einem Berg, um ein Gipfelkreuz versammelt
Endlich am Ziel: Gipfelkreuze sind beliebte Anziehungs- und Aussichtspunkte.

Wer im Gebirge unterwegs ist, sieht sie oft schon von weitem: große Kreuze aus Holz oder Metall, die majestätisch auf den Spitzen der Berge thronen. Für Wanderer und Bergsteiger sind sie Orientierungspunkte und oft genug auch das Ziel ihrer Anstrengungen.

Die ersten großen Gipfelkreuze wurden schon Ende des 13. Jahrhunderts auf Pässen oder Anhöhen errichtet. In den meisten Fällen diensten sie als Grenzmarkierungen. Religiöse Bedeutung erhielten sie erst in der Zeit des 30jährigen Krieges. Hier wurden zum Teil auch Kreuze mit doppeltem oder dreifachen Querbalken aufgestellt. Diese sogenannten "Wetterkreuze" sollten vor Gewitter, Sturm und Hagel schützen.

Im 19. Jahrhundert, als Alpinisten und Wissenschaftler die Bergwelt eroberten, zeugten Gipfelkreuze einerseits von einer gelungenen Erstbesteigung. Andererseits wurden sie oft ergänzt durch physikalische Instrumente, um etwa Luftdruck oder Windgeschwindigkeit in der Höhe messen zu können. Einen wahren "Boom" erlebten die weithin sichtbaren Landmarken aber erst im 20. Jahrhundert.

So wurden die allermeisten Gipfelkreuze in den Alpen nach den beiden Weltkriegen aufgestellt - vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht als Zeichen des Triumpfs oder des Sieges, sondern aus Dankbarkeit, erklärt der österreichische Bergführer Rudi Schonner im Interview mit PEP: "Das war im Krieg dann so, dass die Kriegskameraden ein Gelübde abgelegt haben, dass wenn man heil vom Krieg heimkommt, wenn man gesund von der Gefangenschaft heimkommt, dann setzen wir ein Kreuz dort auf den Gipfel und machen jedes Jahr eine Gedenkmesse mit der Familie."

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die meisten Gipfelkreuze in katholisch geprägten Regionen der Alpen stehen – vor allem in Österreich, der Schweiz und Bayern. Teilweise findet man sie aber auch in deutschen Mittelgebirgen wie etwa dem Schwarzwald. Bereits im 19. Jahrhundert gab es vereinzelt Versuche, das christliche Kreuz durch neutrale Gipfelsymbole wie Obelisken oder Fahnen zu ersetzen.

Solche Pläne werden auch aktuell in der multireligiös geprägten Gesellschaft wieder diskutiert. Der evangelische Pfarrer und Bergwanderer Matthias Schreiber plädiert in diesem Punkt allerdings für mehr Selbstbewusstsein und den Erhalt der Kreuze: "Ich glaube, dass die Tradition, weshalb die Menschen die Kreuze aufgestellt haben - zum Teil als Erinnerung an ihre Kriegskameraden, zum Teil die  Erinnerung an Feuersbrände in den Orten unten und an Bewahrung vor Gewittern - das ist nicht gegen andere Religionen gerichtet. Da müssen wir uns nicht für schämen und das müssen wir nicht abbauen, und das müssen wir nicht immer im Vergleich gegen andere abwerten."
Sonntag, 10.07.2016