30 Jahre Mauerfall: Ein Ostbischof erinnert sich

von Manfred Rütten

Sonntag, 03.11.2019

Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor in Berlin
In den Tagen nach der Grenzöffnung tanzten und feierten Tausende auf und entlang der Mauer - wie hier am 10.11.1989 am Brandenburger Tor in Berlin. (Foto: unbekannter Autor; CC BY-SA 3.0)

Am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Einheit vollendet, doch tiefer in die Herzen und Köpfe hat sich ein anderes Datum eingegraben: der 9. November 1989 - der Tag, an dem die Mauer fiel. Demnächst jährt sich das Ereignis zum 30. Mal.

Dr. Andreas von Maltzahn war bis Mai 2019 Landesbischof der evangelischen Kirche in Mecklenburg. Auch den Mauerfall am 9. November hat er vor 30 Jahren in Ostdeutschland miterlebt - als einfacher Theologiestudent an der Uni Greifswald. Aber nicht wie so viele andere vor dem Fernseher: "An diesem Abend haben wir, nachdem wir in Rostock und Greifswald demonstriert hatten, dann endlich auch im pommerschen Dörfchen Hanshagen das Neue Forum gegründet. Und als wir dann abends aus der Gaststätte zurückkamen, hörten wir die Nachricht, dass die Mauer offen sein soll, und wir konnten es gar nicht glauben!"

Dass die Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 fiel, ist nicht nur den vielen Tausend Menschen zu verdanken, die in den Wochen und Monaten zuvor friedlich für ihre Freiheit demonstrierten. Sie ist auch den Kirchengemeinden zu verdanken, in deren Schutz die Protestbewegung der DDR über Jahre zu dem wachsen konnte, was dann 1989 auch durch Volkspolizei, Armee und Stasi nicht mehr aufzuhalten war.

Den wohl bekanntesten "Schutzraum" bot die Leipziger Nikolaikirche. Schon zu Beginn der 80er Jahre – als auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze hochgerüstet wurde – gab es hier das erste Friedensgebet. Anfangs nur an zehn Tagen im Jahr, ab September 1982 aber wöchentlich, immer montags um 17 Uhr. Nach einer Verhaftungswelle in Berlin 1988 wurde dieses Angebot erweitert um tägliche Fürbitten-Gebete, zu denen regelmäßig über 100 Teilnehmer kamen.

Die Treffen in der Nikolaikirche sprachen sich herum, und schon bald ging es nicht mehr nur um Fürbitten für die Berliner Inhaftierten. Zu einem Gesprächsabend "Leben und Bleiben in der DDR" am 19. Februar 1988 kamen statt der erwarteten 50 Ausreisewilligen gut 600: "Sie erlebten den Abend so positiv, dass sie am Ende fragten, ob auch sie zu den Friedensgebeten willkommen seien, auch wenn sie Nichtchristen sind", erinnert sich Christian Führer, der im Sommer 2014 verstorbene damalige Pfarrer der Nikolaikirche. Von da an kamen montags jedes Mal Hunderte Menschen zum Friedensgebet, was der Kirche nun auch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Stasi einbrachte.

Einen Tag nach der letzten Volkskammer-Wahl im Frühjahr 1989 wurden alle Zufahrtsstraßen zur Nikolaikirche durch Polizeiketten besetzt. Doch die abschreckende Wirkung blieb aus. Im Gegenteil! Je mehr Kontroll- und Abschreckungsmaßnahmen ergriffen wurden, umso mehr Menschen kamen in und vor die Nikolaikirche. Die Bilder von Verhaftungen auf dem Nikolaikirchplatz – gedreht von westlichen Kamerateams - gingen um die Welt und via Westfernsehen auch durch die DDR. Nun kamen noch mehr Menschen aus allen Teilen der Republik nach Leipzig in die Nikolaikirche.

So kam der 9. Oktober 1989 heran, über den Pfarrer Christian Führer einmal sagte: "An diesem Tag wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der gewaltlosen Demonstration der 70.000 und damit zum Kernpunkt der friedlichen Revolution überhaupt". Die nächsten "Montagsdemonstrationen" hatten schon doppelt so viele Teilnehmer. Am 18. Oktober trat erst Honecker zurück, im November dann das Politbüro und am 4. November gab es in Berlin-Ost die erste genehmigte Massendemonstration. Eine Million Menschen nahmen daran teil.

Zwei Tage später präsentierte das SED-Regime ein neues Reisegesetz, das wegen seiner restriktiven Auslegung heftig kritisiert wurde und schließlich zum Rücktritt des DDR-Ministerrates führte. Die von Günther Schabowski am 9. November präsentierte Neufassung bedeutete faktisch die Öffnung aller DDR-Grenzübergänge und damit nach 28 Jahren das Ende der deutsch-deutschen Teilung. Mehr Infos unter www.berlinermaueronline.de

Eine sehr informative und mit vielen Film- und Tondokumenten gespickte Internetpräsentation zum 25. Jahrestag des Mauerfalls hat der Evangeliumsrundfunk (ERF) ins Netz gestellt: http://mauerfall.erf.de/

Sonntag, 03.11.2019