Kirchentags-Feeling: "Wir sind stark, wir sind viele"

von Manfred Rütten

Sonntag, 16.06.2019

Junges Paar mit Kerzen auf dem Ev. Kirchentag
Der Abendsegen nach der Eröffnungsfeier und dem "Abend der Begegnung" wird sicher wieder so stimmungsvoll wie beim vorherigen Kirchentag in Berlin 2017 (Foto: DEKT / Kay Michalak)

Den Deutschen Evangelischen Kirchentag gibt es bereits seit 1949. Anfangs wurde er jährlich gefeiert, später dann alle zwei Jahre. Aber auch 70 Jahre nach der Premiere hat der Kirchentag nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

Schon seit dem ersten Kirchentag 1949 in Hannover versteht sich das bundesweit größte christliche Laientreffen nicht nur als Ort spiritueller Sammlung, sondern auch als Hort freier politischer Diskussion und als Impulsgeber. So haben "evangelische Zeitansagen" der Kirchentage in den 1980er und 1990er Jahren vor allem in den Bereichen Umwelt- und Friedenspolitik tief in die bundesdeutsche Gesellschaft hineingewirkt. Auch in diesem Jahr lässt das Kirchentags-Motto "Was für ein Vertrauen" eine solche Zeitansage erwarten.

In Zeiten, in denen ehemals große politische Parteien Rückhalt und Wählerstimmen verlieren, in denen staatliche Kräfte wie etwa Polizei und Rettungskräfte unter Respektlosigkeit bis hin zu körperlichen Attacken leiden und in denen Journalisten als "Lügenpresse" diffamiert werden, stellt der Kirchentag die Vertrauensfrage. Für die Präses der gastgebenden Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), Annette Kurschus, ist das Thema hochaktuell und von grundsätzlicher Natur: "Vertrauen hat damit zu tun, dass ich mich verlasse – und zwar im doppelten Sinne: Ich verlasse mich auf etwas, ich verlasse mich auf jemanden, ich gehe davon aus: das ist gewiss, das ist fest. Und zugleich ist darin ein »ich verlasse mich selbst«. Also ich begebe mich schon auch auf unsicheren Boden. Vertrauen ist immer gewagt. Im Vertrauen ist immer ein Risiko, sonst wäre es kein Vertrauen. Das macht das Vertrauen so stark, das macht es zugleich aber auch so fragil und verletzlich und brüchig."

Anfang 2019 hat haben RTL Mediengruppe und der Nachrichtensender n-tv ein Trendbarometer veröffentlicht, bei dem nach dem Vertrauen der Deutschen in gesellschaftliche Institutionen gefragt wurde. Die Untersuchung des beauftragten FORSA-Instituts ergab nach den Worten ihres Chefs, Manfred Güllner, ein erschreckendes Ergebnis: "Eine derart flächendeckende Vertrauens-Erosion wie in diesem Jahr haben wir in diesem Zeitraum noch nie gemessen."

Immer noch an der Spitze des Vertrauensrankings liegt die Polizei, der 78% der Deutschen vertrauen. Gegenüber 2018 hat sie allerdings 5% eingebüßt. Den zweiten und dritten Platz teilen sich Universitäten und Ärzte mit jeweils 77%. Dem eigenen Arbeitgeber vertrauen 66% der Befragten (-9%), die gleiche Zahl erreichten Kommunale Unternehmen. Dem Radio vertrauten 51% (-5), der Presse 41% (+1), dem Fernsehen aber nur noch 27% (-1). Starke Vertrauensverluste gab es auch für die Kirchen: die Evangelische Kirche verlor zehn Prozentpunkte und landete bei 38%, die Katholische Kirche büßte neun Prozentpunkte ein und war damit noch für 18% der Befragten vertrauenswürdig. Den größten Vertrauensverlust musste der Papst hinnehmen: Er genießt zwar noch bei 34% der Befragten Vertrauen, verlor aber gegenüber dem Vorjahr satte 20%.  Das geringste Vertauen haben die Deutschen gegenüber Managern (9%), dem Islam (7%) und Werbeagenturen (4%) Die komplette Übersicht gibt es hier.

An Evangelischen Kirchentagen schätzt Annette Kurschus, die leitende Theologin der EKvW, dass es große Feste sind, die allen Teilnehmenden "stärkende Kraft" schenken. In den Gemeinden habe sie oft das Gefühl, "Ach, wir sind wenige, und es ist alles sehr angefochten und steht ungeschützt da in der Welt". Ganz anders fühle sie sich dagegen auf einem Kirchentag: "Da habe ich für vier, fünf Tage das Gefühl: Wir sind ganz viele, und gemeinsam sind wir stark mit unserem christlichen Glauben."

Sonntag, 16.06.2019