Experiment: Prämien für Kircheneintritt

von Michael Birgden

Montag, 09.06.2014

betende Menschen in einer prunkvollen Kirche
Wer will, findet in der Kirche auch mehr als Andacht, Stille und Gebet

"Mitglieder werben Mitglieder" – schon lange nutzen Automobilclubs oder Zeitschriften dieses Instrument und belohnen jede erfolgreiche Vermittlung eines neuen Mitglieds mit einer Prämie. Eine Kirchengemeinde in Erftstadt probiert das jetzt auch.

Seit Anfang 2014 können sich Gemeindemitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Lechenich, die eine Person erfolgreich zum Kircheneintritt motivieren, als Dankeschön eine Prämie aussuchen. Zur Wahl stehen u.a. ein Restaurant-Gutschein, eine Espresso-Maschine, ein hochwertiger Kopfhörer oder der Besuch in einer Therme. Alle Prämien wurden gestiftet, die Aktion kostet also keine Kirchensteuer. Und jede Prämie wird von einem Bibelvers begleitet. So heißt es z.B. beim Thermenbesuch: "Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes" (1. Korintherbrief, Kap. 6, Vers 19).

Die Idee zu der ungewöhnlichen Aktion hatte Pfarrer Helmut Schneider-Leßmann. Anfangs habe er damit provozieren wollen, doch dann sehr schnell das Potential erkannt. Wer ein neues Mitglied werben und überzeugen will, der muss zunächst einmal selber über seine eigene Kirchenmitgliedschaft nachdenken und sprachfähig werden, muss argumentieren und Vorteile benennen können. Schneider-Leßmann formuliert das so: "Da gibt es eine Institution, die kannst du mit erhalten, die kannst du mit tragen und wenn du an irgendeiner Stelle im Leben liegen bleibst oder wenn du in eine Situation kommst, die eine besondere Gestaltung braucht Trauung, Taufe Beerdigung sind die klassischen aber auch Einschulung oder du hast Kinder und kümmerst dich um ihre Erziehung, dann ist Kirche da und du kannst auf diese Angebote zurückgreifen."

Auf dieser Basis hat die Gemeinde selbst einen Flyer entwickelt und ihn an alle Mitglieder verschickt. Der Flyer erklärt die Aktion und nennt "Sieben gute Argumente für Ihre Gemeinde". Über die musste sich die Gemeinde erst einmal selber klar werden, erinnert sich Schneider-Leßmann: "Und diese sieben Gründe in einer Sprache auszudrücken, die Menschen nicht abschreckt, die kurz und präzise auf den Punkt bringt, worauf es uns ankommt. Das haben wir so in den Vorgaben, im Internet oder in kirchlichen Verlautbarungen nirgends gefunden."

Also hat man selber formuliert. Da heißt es zum Beispiel: " Keiner denkt an mich – stimmt nicht! Hier werden Sie wahrgenommen und geachtet." Oder: " Verlust, Krankheit, Sterben, Trauer – wenn andere hilflos weggehen, gibt es immer jemanden, der bleibt – im Reden, im Nachdenken, im Schweigen." Über die Aktion konnte Pfarrer Helmut Schneider-Leßmann bislang drei neue Kirchenmitglieder gewinnen. Eine endgültige Bilanz will die Gemeinde aber erst im Dezember ziehen.

Montag, 09.06.2014