"Equal Pay Day": Lohnlücke zwischen Mann und Frau

von Hannah-Catharina Esser

Sonntag, 22.03.2015

Bundesministerin Manuela Schwesig am Rednerpult
Seit Juli 2017 ist das "Entgelt-Transparenzgesetz" in Kraft. Es geht zurück auf die frühere Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig (SPD). Foto: BPW Germany e.V.

Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2013 eine Lohn- und Gehaltlücke zwischen Männern und Frauen von 22% ausgerechnet. Verdienen Frauen also im Schnitt rund ein Fünftel weniger als Männer? Ja und nein …

Von allen Seiten weitgehend unbestritten ist, dass es eine Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – die sogenannte "Gender Pay Gap" – tatsächlich gibt. Daraus jedoch zu schließen, Frauen würden generell schlechter bezahlt, als ihre männlichen Kollegen, greift zu kurz. Denn Tarifverträge und das Diskriminierungsverbot lassen es grundsätzlich nicht zu, dass die Geschlechter innerhalb eines Betriebes oder einer Branche für dieselbe Tätigkeit unterschiedlich entlohnt werden.

Dass das Statistische Bundesamt dennoch eine Lohnlücke von 22% errechnet hat, liegt nach Angaben des Nachrichtenmagazins FOCUS an der generalisierenden Berechnungsgrundlage. Die Statistiker hätten den durchschnittlichen Bruttostundenverdienst der Männer und den der Frauen addiert und die Summe dann durch den durchschnittlichen Bruttostundenverdienst der Männer geteilt. Dass es unterschiedliche Branchen, Qualifikationen, Familienstände und auch Positionen innerhalb der Unternehmen gibt, sei in dieser Rechnung nicht berücksichtigt.

Derartige Faktoren sind allerdings in hohem Maße entscheidend und erklären letztlich auch die "Gender Pay Gap". Besonders wichtig: die viel zitierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Noch immer sind es überwiegend die Frauen, die wegen der Kinder aus dem Beruf ausscheiden oder zumindest eine Zeitlang pausieren. Mütter, die drei Jahre zu Hause bleiben, verdienen nach Angaben der Bild-Zeitung "im Arbeitsleben durchschnittlich 83.000 Euro weniger als Kinderlose. Wer drei Jahre pausiert und drei Jahre Teilzeit arbeitet, hat bis zu 193.000 Euro weniger".

Hinzu kommt, dass sich nach wie vor nur relativ wenige Frauen (rund 20%) für eine Ausbildung und Karriere in besonders gut dotierten Berufszweigen wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik entscheiden. Dafür sind sie in geisteswissenschaftlichen und erzieherisch-sozialen Bereichen sowie in einigen Ausbildungsberufen überrepräsentiert, wo aber vergleichsweise weniger bezahlt wird ("Frauenberufe"). Und schließlich: Frauen arbeiten oft in Teilzeit, was entsprechende Lohneinbußen mit sich bringt. Laut dem Sozialverband Deutschland (SoVD) ist "die Vollzeitquote von Frauen von 55 Prozent im Jahr 2001 auf 40 Prozent 2014 gefallen." Zu ähnlichen Befunden kommt auch die Initiative "Equal Pay Day", die sich in Deutschland seit 2008 für die Entgeldgleichheit von Männern und Frauen einsetzt (www.equalpayday.de).

Berücksichtigt man die genannten Faktoren und vergleicht nur Frauen und Männer mit ähnlicher Erfahrung, Bildung und Position, dann schrumpft die Lohnlücke von 22 auf sieben Prozent. Das ist zwar deutlich weniger, aber immer noch nicht befriedigend. "Warum", so fragt die Unternehmensberaterin Henrike von Platen in einem SPIEGEL-Interview, "verdient ein Müllwerker so viel mehr als eine Krankenschwester? Warum bekommt er eine Zulage für das Heben schwerer Lasten und die Altenpflegerin nicht? Es geht darum, zu diskutieren und nachvollziehbar zu machen, wie Arbeit bewertet wird. (…) Faire Bezahlung heißt: Gleiche und gleichwertige Arbeit müssen gleich vergütet werden."
Sonntag, 22.03.2015