Strategien gegen Stammtischparolen

von Werner Beuschel

Sonntag, 18.09.2016

Bierdeckel mit typischen Stammtischparolen
Typisdche Stammtischparolen ließ die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt 2014 auf Bierdeckel drucken und in Kneipen verteilen. Auf der Rückseite: Argumente gegen die hohlen Phrasen.

"Ausländer sind kriminell" – "Das Boot ist voll" – "Merkel muss weg". Stammtischparolen wie diese haben im Moment Hochkonjunktur, und sie sind längst nicht mehr nur in der Kneipe zu hören. Soll man die Sprücheklopfer ignorieren oder dagegenhalten?

Martina Wasserloos-Strunk vom Evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss kennt das Problem aus eigener Erfahrung: "Wir qualifizieren schon seit anderthalb Jahren Menschen, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren und bekommen von denen häufig gesagt, dass sie konfrontiert werden mit Stammtischparolen - zum Teil auch wirklich übelster Art - und sich regelmäßig wirklich hilflos fühlen, darauf angemessen zu reagieren." Um Abhilfe zu schaffen, organisierte Wasserloos-Strunk für ihre Ehrenamtler vor kurzem einen Info-Abend in der Mönchengladbacher Philippus-Akademie mit dem Experten Professor Dr. Klaus-Peter Hufer.

Der Politologe und Bildungswissenschaftler arbeitet an der Universität Duisburg-Essen und beschäftigt sich schon länger mit den Ursachen und Wirkungen von rassistischen, sexistischen oder fremdenfeindlichen Sprüchen. Zwei Bücher hat er zu dem Thema geschrieben und ein spezielles Argumentationstraining entwickelt. Wer Stammtischparolen benutzt, hat nach seiner Einschätzung oft ein sehr einfaches Weltbild: "Wir sind gut, und die andern sind schlecht. Und dann sind die Themen fast beliebig. Das ist auch in der Forschung so nachgewiesen: das nennt sich wissenschaftlich »Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«, da sind all diese Kategorien drin versammelt."

Mit Argumenten ist den Sprücheklopfern nur schwer beizukommen, meint Hufer: "Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass man jetzt eine wirklich qualifizierte, herrschaftsfreie Diskussion anfangen könnte. Das funktioniert nicht." Trotzdem sei Weghören oder Schweigen die falsche Reaktion auf Stammtischparolen: "Hinter diesen Worten steht auch eine latente Gewalt (…) eine Diskriminierung von Menschen. Und die Bürgerpflicht in diesem Fall wäre zu sagen, nein, ich mach da nicht mit, sondern ich versuche, meinen Beitrag zu leisten, dass diese Bundesrepublik eine zivile, demokratische und humane Gesellschaft ist. Und am Ende schütze ich damit auch diejenigen, die nach der verbalen Attacke auch Opfer einer körperlichen werden könnten."

Die Behauptung, Ausländer nähmen deutschen Bürgern die Arbeitsplätze weg, sei so etwas wie der Klassiker unter den Stammtischparolen, meint Klaus-Peter Hufer. Aktuell stark ansteigend seien aber auch islamfeindliche Sprüche und Äußerungen, die den Nationalsozialismus relativieren. Wer mit solchen Meinungen konfrontiert werde, schaffe es nicht immer, sofort eine differenzierte, eloquente Antwort aus dem Hut zu zaubern. Das sei aber auch nicht zwingend nötig. Wichtiger sei, ein klares persönliches Zeichen der Ablehnung zu setzen.

Ein gutes Mittel, um Stammtischparolen zu entlarven, sind direkte Nachfragen, so Hufer: "Wenn jemand beispielsweise sagt, »die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg«, dann muss man fragen: »Werde konkret! Welche Ausländer?« Das generalisierende »die« muss aufgelöst werden, und immer beharrlich weiter fragen, bis man tatsächlich zu dem Punkt kommt, wo die ganze Absurdität und Widersprüchlichkeit dieser Aussage deutlich wird."

Sprücheklopfer wirklich festzunageln, ist dennoch nicht einfach. Schnell haben sie im Zweifel eine neue Parole parat, springen von einem Thema zum nächsten: "Und diejenigen, die dagegen argumentieren, haben das Gefühl, ein Stück Seife in der Hand zu haben", erklärt Professor Hufer. Aber auch dagegen gebe es Strategien: Eng am Thema bleiben und immer wieder nachhaken, bis der Sprücheklopfer Farbe bekennen muss.

Buchtipps:

Klaus-Peter Hufer:

"Argumente am Stammtisch: Erfolgreich gegen Parolen, Palaver und Populismus"

Wochenschau Verlag, 141 Seiten, 10 Euro

 

Klaus-Peter Hufer:

"Argumentationstraining gegen Stammtischparolen."

Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen

Wochenschau Verlag, 120 Seiten, 10 Euro

Sonntag, 18.09.2016