Nordirland, der Brexit und die Kirchen

von Joachim Gerhardt

Sonntag, 28.10.2018

Nicola Brady, Generalsekretärin des „Irish council of churches“
Nicola Brady, Generalsekretärin des „Irish council of churches“ (Foto: Joachim Gerhardt)

Der gewaltsame Konflikt um die Provinz Nordirland dauerte 30 Jahre und kostete rund 3.500 Menschen das Leben. Mit dem Friedensabkommen von 1998 ist Ruhe eingekehrt, aber der bevorstehende Brexit könnte diese Ruhe gefährden.

Durch den für den 29. März 2019 angekündigten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union könnte auf der irischen Insel (wieder) eine harte Grenze entstehen: Die unter britischer Verwaltung stehende Provinz Nordirland würde die EU zusammen mit dem britischen Mutterland verlassen, während die angrenzende Republik Irland weiterhin EU-Mitglied bleiben würde. Die Grenze zwischen Nordirland und Irland würde dadurch zu einer EU-Außengrenze werden – mit allen rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Implikationen (Grenzübertritt, Freizügigkeit im Warenverkehr und bei Dienstleistungen etc.).

Eine Grenzziehung zwischen Irland und Nordirland könnte nicht nur die Beziehungen zwischen Irland und Großbritannien verkomplizieren, sie könnte außerdem auch Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen haben – auch und vor allem in der Provinz Nordirland, wo katholische und protestantische bzw. anglikanische Iren dicht an dicht leben. Sollte eine Seite oder gar beide unter den Folgen des Brexit leiden (steigende Arbeitlosigkeit o.ä.), könnten schnell alte Konflikte wieder aufbrechen.

Oft wurde (und wird) der Nordirland-Konflikt als Konfrontation zwischen Katholiken und Protestanten beschrieben. Doch im Kern geht es um politische Ansichten und Ziele, für die die jeweiligen Konfessionen stellvertretend stehen: Auf der einen Seite die Nordiren. Als Nachfahren britischer Eroberer und Einwanderer sind sie überwiegend protestantisch oder anglikanisch geprägt und haben eine enge kulturelle und geschichtliche Verbindung zu Großbritannien. Auf der anderen Seite stehen die Bewohner der Republik Irland. Sie sind traditionell katholisch und aufgrund einer Jahrhunderte alten Leidensgeschichte anti-britisch eingestellt.

Sie begann schon im Jahr 1169, als die Normannen damals die Insel eroberten. In der Folge beschlagnahmten Anglo-Normannen den Landbesitz vieler Iren und vertrieben sie in den weniger fruchtbaren Westen. Ab etwa 1600 wurden unter dem Schutz von der englischen Krone anglikanische und presbyterianische Siedler aus England und Schottland im Nordosten der irischen Insel angesiedelt. Laur Wikipedia war "diese sogenannte Plantation (…) die Wurzel eines Jahrhunderte schwelenden ethno-religiösen Konflikts, besonders schwer und bis heute fortdauernd im heutigen Nordirland, dem Siedlungsschwerpunkt."

Unauslöschlich im kollektiven Gedächtnis der Iren ist auch die große Hungersnot von 1845, für die die damaligen britischen Großgrundbesitzer in Irland verantwortlich gemacht wurden. Eine zeitgleich auftretende Kartoffelfäule führt dazu, dass bis 1849 etwa 1,5 Millionen Iren verhungerten. Viele andere verließen die Insel und wanderten nach Amerika aus.

Nach einem dreijährigen Bürgerkrieg gewährten die Briten den Iren 1921 erstmals eine größere innenpolitische Eigenständigkeit. Die führte 1922 zur Gründung des Irischen Freistaats, der als Vorgänger der heutigen Republik Irland gelten kann. Sechs Grafschaften in der Provinz Ulster blieben aber weiterhin Bestandteil des Vereinigten Königreichs – selbst nachdem Irland am 18. April 1949 aus dem britischen Commonwealth ausgetreten war.

Alle späteren Versuche, die nordirische Provinz wieder mit der Republik Irland zu vereinen, scheiterten. Den bewaffneten Kampf und die Terroranschläge der Irisch Republikanischen Armee (IRA) und ihren Abspaltungen beantwortete Großbritannien mit der Stationierung britischer Truppen in Nordirland. Erst 1998 gelang es den Parteien in Nordirland, der irischen sowie der britischen Regierung, ein gemeinsames Abkommen zu unterzeichnen und damit die Gewalt zu beenden.

In dem sogenannten Karfreitagsabkommen wurde u.a. festgehalten: "Die Regierung der Republik Irland verzichtet auf ihre Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland. Die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland wird nicht ausgeschlossen, wenn sich die Mehrheit der Nordiren dafür ausspricht. Die paramilitärischen Truppen auf beiden Seiten (IRA und Ulster) erklären ihre Bereitschaft zur Entwaffnung." (Quelle: Wikipedia)

Sonntag, 28.10.2018