Ein Lehmziegel erzählt vom Turmbau zu Babel

von Ann-Marlen Hoolt

Sonntag, 16.09.2018

Der Turmbau zu Babel - Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren von 1563
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Eine der bekanntesten Darstellungen des Turmbaus zu Babel stammt von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1563.

Ein etwa 2.500 Jahre alter Lehmziegel aus dem Archiv des Bibelmuseums Münster ist in mehreren Labors aufwändig untersucht worden. Dabei wurden Bestandteile entdeckt, die schon in der Bibel erwähnt werden: In der Geschichte vom Turmbau zu Babel.

Der acht Kilogramm schwere Stein stammt aus Grabungen, die der deutsche Architekt und Bauforscher Robert Koldewey im März 1899 im heutigen Irak begonnen hatte. Das Feld lag etwa 90 Kilometer südlich der heutigen irakischen Hauptstadt Bagdad und war Standort von Babylon, der Hauptstadt des damaligen Babylonien. Im Jahr 1913 stieß Koldewey dabei auf die im Alten Testament und beim griechischen Geschichtsschreiber Herodot erwähnten antiken Fundamente des Turms zu Babel.

Bei Untersuchungen in einem Computertomographen der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster gelang es den Forschern nun vor kurzem, ins Innere des Lehmziegels zu blicken. Dabei fanden sie Halme und andere Pflanzenreste. Schwarze Rückstände auf der Oberfläche des Reliktes identifizierte ein chemisches Labor in Schleswig-Holstein als Bitumen - eine Art Asphalt oder natürliches Erdharz, das in der Antike beim Mauerbau eingesetzt wurde. Hier gibt es dazu einen TV-Bericht des WDR.

Die wissenschaftlichen Befunde decken sich mit dem biblischen Bericht über den Turmbau zu Babel. Im 1. Buch Mose (11. Kapitel) heißt es dort u.a.: "Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lass uns Ziegel streichen und brennen! und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche." Der Turmbau wird als Versuch der Menschen gedeutet, Gott ebenbürtig werden zu wollen. Doch der beendet das Vorhaben, indem er für eine Sprachenverwirrung sorgt und so den Weiterbau unmöglich macht.

Auf dem Lehmziegel im Münsteraner Bibelmuseum findet sich außerdem der Name "Nebukadnezar" eingeprägt. Nebukadnezar II. regierte als babylonischer König von 604 bis 562 v.Chr. Bei einem Feldzug zerstörte er den Tempel in Jerusalem und nahm die Juden in babylonische Gefangenschaft. Unter seiner Herrschaft wurde auch die von seinem Vater begonnene Wiederrichtung des lange zuvor zerstörten Turms zu Babel vollendet. Nebukadnezars Turm hatte eine Grundfläche von 91,48 m × 91,66 m und eine Höhe von etwa 91 Meter. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die US-Forschungseinrichtung "Smithsonian" ein Video von einer Steinplatte aus den 6. Jahrhundert vor Christus. Es zeigt neben babylonischen Schriftzeichen eine zeitgenössische Außenansicht des Turms zu Babel und ein Profilbild seines Vollenders, König Nebukadnezar II.

Bei der Eroberung Babyloniens durch den Perserkönig Xerxes I. wurde der Turm teilweise zerstört. Alexander der Große ließ ihn 323 v. Chr. vollständig abtragen, um ihn anschließend wieder neu aufbauen zu können. Quellen zufolge sollen daran 10.000 Männer zwei Monate gearbeitet haben. Zum geplanten Wiederaufbau kam es jedoch nicht, weil Alexander kurz darauf im Alter von 33 Jahren starb. So ist heute nur noch das Fundament des Turms zu Babel erhalten

Sonntag, 16.09.2018