Der Muttertag und das Vierte Gebot

von Werner Beuschel

Sonntag, 04.05.2014

Rosenstrauß in pastell-rosa
Einer der Geschenke-Klassiker zum Muttertag ist immer noch der Blumenstrauß

Am 8. Mai 1914 erklärte der damalige US-Präsident Woodrow Wilson den 2. Sonntag im Mai zum nationalen "Ehrentag für die Mütter". Nur neun Jahre später wurde er zum ersten Mal auch in Deutschland begangen.

Die Geschichte des "Muttertages" ist eine amerikanische Geschichte. Ausgangspunkt ist die Pastorengattin Ann Maria Reeves Jarvis und ihre 1858 gegründeten "Mothers´ Day Work Clubs". Deren Ziel war es, die sanitären Lebensverhältnisse in den damaligen Arbeiterfamilien zu verbessern, deren Gesundheit zu fördern und so die hohe Kindersterblichkeit zu bekämpfen. Auch während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861-65) war Ann Jarvis politisch und sozial aktiv, indem sie zusammen mit anderen Frauen Mother's Friendship Days organisierte, um gemeinsam den verwundeten Soldaten beider Seiten zu helfen. Nach dem Ende des Bürgerkrieges lud sie Soldaten-Mütter beider Seiten zu gemeinsamen Treffen ein.

Auch Ann´s 1864 geborene Tochter Anna Marie Jarvis war eine Aktivistin und setzte sich für die Rechte der Frauen ein, die ihrer Ansicht nach unterdrückt wurden – zum Beispiel, weil sie nicht wählen durften. Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter ließ Anna Jarvis am 12. Mai 1907 in ihrer Kirche einen Gedenkgottesdienst für ihre verstorbene Mutter feiern und setzte sich fortan dafür ein,  einen Tag der Mutter als anerkannten Feiertag herbeizuführen – weniger um damit ihrer eigenen Mutter ein Denkmal zu setzen, sondern um die soziale und politische Bedeutung der Frauen in der Gesellschaft zu würdigen und zu stärken. Ihre Bemühungen wurden 1914 belohnt, als der amerikanische Präsident Woodrow Wilson den zweiten Sonntag im Mai zum nationalen Ehrentag für die Mütter erklärte.

Überall in der Welt folgte man dem amerikanischen Beispiel. In England, Schweden, Dänemark, sogar in Ostasien und Mexiko. Von den Amerikanern übernommen wurde aber auch das gute Geschäft. Anna Jarvis musste zu ihrem Kummer miterleben, dass ihr Erfolg zu einem Pyrrhussieg wurde. Die edlen Motiven entsprungene Idee ging schnell im Geschäftsrummel unter. Und Anna Jarvis zog sich nach jahrelangem Kampf verbittert und verarmt zurück. Die einstmals reiche, von Idealen erfüllte Frau starb 1948 in einem Altersheim in Philadelphia. Die Kosten für ihre Pflege im Heim hatten - Ironie des Schicksals - dankbare Blumenhändler bezahlt, deren Umsatz dank der Idee von Anna Jarvis erheblich gestiegen war.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich der Muttertag auch auf dem europäischen Festland durch, zunächst in Österreich und Skandinavien, später dann auch in Deutschland. Hier wurde der Muttertag ausgerechnet im Jahr der großen Geldentwertung 1923 eingeführt (und nicht, wie viele annehmen, während des Dritten Reiches.) Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 wurde der Muttertag wieder ein rein privater Feiertag.

Sehr viel älter als die weltlichen Festtage "Muttertag" bzw. "Vatertag" ist das biblische Gebot "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren". Es ist das vierte der insgesamt Zehn Gebote, die Mose der biblischen Überlieferung nach auf dem Berg Sinai von Gott selbst empfangen hat. Die Zehn Gebote werden auch "Dekalog" genannt (deka = zehn; logos = Wort) und sind in der Bibel zweimal überliefert: 2. Buch Mose, Kap. 20, Verse 2-17 und 5. Buch Mose, Kap. 5, Verse 6-21.

Ein Gebot ist eine Vorschrift, die das Zusammenleben regelt. Aus biblischer Sicht geht es darum, sich gegenseitig mit Rücksicht zu begegnen und sich jeweils Freiraum zur Entfaltung zu gewähren. Jesus formulierte es so: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch." (Matthäus 7,12) Er hat zudem das "Doppelgebot der Liebe" betont, das im Alten Testament wurzelt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Matthäus 19,19; 3. Mose 19,18). Hier wird oft der zweite Teilsatz übersehen, wonach es auch legitim ist, an sich selbst zu denken, eigene Interessen zu verfolgen. Entscheidend ist, dass die Balance stimmt zwischen Nächstenliebe und Selbstachtung. 

Sonntag, 04.05.2014