70 Jahre Kriegsende: Der Schoß ist fruchtbar noch ...

von Carsten Griese

Sonntag, 03.05.2015

Menschen mit Transparent bei einer Anti-Nazi-Demonstration
Demo gegen Rechts: Beim Kampf gegen Neo-Nazis arbeiten Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und andere Gruppen an vielen Orten zusammen.

Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu Ende und damit auch die Gewaltherrschaft der Nazis. Aber schon damals warnte der Schriftsteller Berthold Brecht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch". Leider hat er damit Recht behalten.

Auch 70 Jahre nach Kriegsende sind nationalsozialistisches Gedankengut und rechtsextreme Gesinnung in Deutschland noch immer lebendig. In Nordrhein-Westfalen zählt die Stadt Dortmund zu den Hochburgen der Neo-Nazi-Szene, die eine ihrer Wurzeln in der 1982 von Siegried Borchardt gegründeten "Borussenfront" hat – einem Zusammenschluss gewaltbereiter Fußballfans, der den Kontakt zur rechtsextremen Szene suchte.

Später wurde Dortmund zur Heimat sogenannter "freier Kameradschaften", die im Sommer 2012 von NRW-Innenminister Jäger verboten wurden. Daraufhin gründete der "Nationale Widerstand Dortmund" die Partei "Die Rechte", die inzwischen bundesweit rund 500 Mitglieder hat und sowohl in Dortmund als auch in Hamm (Westfalen) und Bautzen (Sachsen) mit jeweils einem Sitz im dortigen Stadtrat vertreten ist. Das brutale Auftreten und die gezielten Provokationen der Rechtsextremen in Dortmund beschreibt ein Artikel der "Süddeutschen Zeitung" vom Februar 2015.

Mit Informationsveranstaltungen, politischer Aufklärungsarbeit und Gegendemonstrationen stellt sich der Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus dem braunen Gedankengut entgegen. Koordinator des breiten gesellschaftlichen Bündnisses, dem mehr als ein Dutzend Organisationen angehören, ist der evangelische Pfarrer Friedrich Stiller. Auch und gerade Christen – so Stiller – müssten gegen jede Form von Rechtsextremismus angehen: "Zum einen, um den sozialen Frieden in der Stadt zu erhalten und zum anderen aber auch, weil die Ideologie der Neonazis die Ideologie der Ungleichheit ist - und das widerspricht unserem christlichen Menschenbild und der Gottesebenbildlichkeit eines jeden."

Der Kampf gegen rechtes Gedankengut ist für Stiller untrennbar verbunden mit der ständigen Erinnerung an die Schrecken der NS-Herrschaft von 1933 bis 1945: "Wir sehen die Brücke zwischen dem Rechtsextremismus heute und dem Erinnern an Krieg und Nationalsozialismus." Dieser Zusammenhang werde deshalb auch Thema sein bei einem Gedenkgottesdienst am 8. Mai 2015 in der Dortmunder Stadtkirche St. Reinoldi. Anlass ist der 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa.

Mehr Infos unter https://www.facebook.com/christengegenrechts und  https://dortmundgegenrechts.wordpress.com/

Für das vergangene Jahr hat der "Stern" zusammen mit Pro Asyl und der Amadeu Antonio Stiftung eine Bilanz und Übersicht zusammengestellt, aus der alle bekannten rassistisch motivierten Gewalttaten gegen Flüchtlinge oder Flüchtlingsunterkünfte hervorgehen, die 2014 in Deutschland verübt worden sind. Demnach gab es u.a. 35 Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und 270 flüchtlingsfeindliche Kundgebungen oder Demonstrationen. Weitere Zahlen lesen Sie hier.
Sonntag, 03.05.2015