Vor 80 Jahren: Die Kirche und der Weltkrieg

von Stefan Klinkhammer

Sonntag, 01.09.2019

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Von Anfang an gab es Spannungen zwischen Kreuz und Hakenkreuz: 1930 warnten katholische Bischöfe öffentlich vor den Nationalsozialisten. 1933 kam das Reichskonkordat, doch Hitler hielt sich nicht daran. Am 1. September 1939 begann der Weltkrieg...

INFO: „Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden durch den Krieg.“ Mit diesen flammenden Worten stemmte sich der gerade erst fünf Monate amtierende Papst Pius XII. am 24. August 1939 dem drohenden Krieg entgegen. Vergeblich. Denn wenige Tage später, am 1. September 1939, überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Der Krieg war entfesselt.

Das Verhältnis zwischen deutscher Kirche und NS-Regime war zwiespältig: Einerseits wollte die Kirche die vermeintlichen „vaterländischen Pflichten" hochhalten; andererseits aber gab es gerade aus ihren Reihen auch viele Mahner und Widerstandskämpfer. Als Hunderttausende katholischer deutscher Soldaten ab 1. September 1939 in den Zweiten Weltkrieg zogen, vermieden die meisten Bischöfe politische Stellungnahmen. Auch als Holocaust und Vernichtungskrieg alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten, dachten die Bischöfe weiter in den alten Kategorien vom gerechten Krieg, von der Treue zur von Gott gesetzten Obrigkeit und wollten keine Konfrontation riskieren. Vielen Katholiken waren Kommunismus und Nationalsozialismus gleichermaßen Zeichen für den Verfall einer gottlos gewordenen Welt. 1943 dienten rund 3.400 kirchliche Einrichtungen kriegsbedingten Zwecken, zwei Drittel aller Ordensfrauen erfüllten kriegswichtige Aufgaben, vor allem Krankenpflege.

Als sich der Nazi-Terror gegen die eigene Bevölkerung verschärfte, saßen die deutschen Katholiken zwischen den Stühlen: Als Deutsche hofften sie auf den Sieg, mussten zugleich aber befürchten, dass die Nazis dann mit der Kirche abrechnen würden. Die Vorzeichen waren eindeutig: Katholische Erwachsenen- und Jugendverbände waren drangsaliert und verboten, Einrichtungen enteignet und Ordensleute im „Klostersturm“ vertrieben. Über 400 Priester wurden zwischen 1933 und 1945 in ein KZ gebracht, 107 kamen dort zu Tode. 63 weitere Priester wurden hingerichtet oder ermordet, dazu Abertausende aktiver Laien, davon viele in öffentlichen Schauprozessen verurteilt. Münsters Bischof Clemens August von Galen protestierte 1941 öffentlich, vor allem gegen die Vernichtung von „lebensunwertem Leben“. Nur indirekt verurteilten die Bischöfe den Völkermord an den Juden, etwa mit ihrem „Menschenrechtshirtenbrief“ im März 1942. 1945 wurde die Frage nach dem Verhältnis von katholischer Kirche und Judentum zunächst als ethisch-moralische Frage nach dem Verhalten einzelner Katholiken diskutiert. „Erschüttert stehen wir vor der Offenbarung so furchtbarer Greueltaten in den Konzentrationslagern, vor dem Versuch, ganze Volkschaften zu vernichten", schrieben die Bischöfe der Kölner und Paderborner Kirchenprovinzen am 29. Juni 1945 und riefen ihre Diözesanen zur „Ehrfurcht vor Gott und Mensch" auf.

Ausführlich zu Schuld und Verantwortung äußerten sich die deutschen Bischöfe in ihrem ersten gemeinsamen Hirtenwort am 23. August 1945: „Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden. ... Es muss wieder Ehrfurcht herrschen, auch vor der Persönlichkeit des Nächsten! Wir haben es alle noch zu lebendig vor Augen, was aus dem Menschen wird, der entrechtet, misshandelt, seiner Menschenwürde beraubt wird." (KNA)

Gedenken in Polen: In Polen, das zum ersten Opfer des Kriegs wurde, erinnern die Präsidenten Polens, Deutschlands und der USA heute an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren. Andrzej Duda, Frank-Walter Steinmeier und Donald Trump werden um 12 Uhr auf dem Pilsudski-Platz in Warschau sprechen und anschließend Kränze am Grabmahl des Unbekannten Soldaten niederlegen. Bereits am frühen Sonntagmorgen besuchen Duda und Steinmeier gemeinsam die südpolnische Kleinstadt Wielun, die als Erinnerungsort lange fast keine Rolle spielte. Hier hatte Deutschland mit dem Angriff der Luftwaffe am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg begonnen. Rund 30 Sturzkampfbomber („Stukas“) griffen gegen 4.40 Uhr die Stadt an, wenige Minuten später eröffnete 400 Kilometer nördlich ein deutsches Schiff das Feuer auf die Halbinsel Westerplatte bei Danzig. Bei dem Massaker in Wielun - dem ersten deutschen Kriegsverbrechen - starben mehr als 1.000 Zivilisten im Bombenhagel.
Bei einer Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen in Berlin werden auf dem Askanischen Platz beim ehemaligen Anhalter Bahnhof am Sonntag um 13.00 Uhr die Präsidenten des Bundestages und des polnischen Unterhauses (Sejm), Wolfgang Schäuble und Elzbieta Witek, erwartet. Die Kirchen erinnern an den Kriegsbeginn mit einem ökumenischen Gottesdienst am Samstagnachmittag in einer evangelischen Kirche in Warschau und mit einer katholischen Messe am Sonntagmittag in Wielun. In Warschau werden die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Annette Kurschus, und der Präsident des Polnischen Ökumenischen Rates, Bischof Jerzy Samiec, predigen. Die Messe in Wielun feiert der Erzbischof von Tschenstochau, Waclaw Depo, zu dessen Diözese Wielun gehört.

Versöhnung mit Polen: Die katholischen Bischofskonferenzen von Deutschland und Polen trafen sich zuletzt zum Jahrestag der 75. Wiederkehr des Kriegsbeginns in Warschau und am ehemaligen Sender Gleiwitz, wo am 31. August 1939 ein Überfall vorgetäuscht wurde, um den Krieg zu rechtfertigen. Bei der Gedenkfeier in Warschau stand auch der Warschauer Aufstand im Mittelpunkt, der sich damals zum 70. Mal jährte. Als wichtige Stationen der Versöhnung zwischen deutschen und polnischen Katholiken gelten eine Bußwallfahrt der Pax-Christi-Bewegung im Mai 1964 nach Auschwitz und die Kontakte deutscher und polnischer Bischöfe während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), denen 1965 ein Briefwechsel mit der Bitte um Vergebung und Versöhnung folgte. 1968 regte der Bensberger Kreis den Verzicht auf die früheren deutschen Ostgebiete an, 1972 errichtete der Vatikan nach dem Warschauer Vertrag zwischen Deutschland und Polen in den ehemals deutschen Ostgebieten neue polnische Diözesen, ein Jahr später gründeten das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und 13 katholische Verbände das Maximilian-Kolbe-Werk zur Unterstützung von Überlebenden der NS-Konzentrationslager und Ghettos in Polen und Osteuropa. Durch gegenseitige Besuche, die Wahl von des Krakauer Kardinals Karol Wojtyla zum Papst, praktische Hilfen nach der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen 1981 und die Heiligsprechung des im KZ verhungerten Franziskanerpaters Maximilian Kolbe 1982 wuchsen die Beziehungen. Die Gründung des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis 1993 und gemeinsame Erklärungen 1995 und 2005 bekräftigten den Willen zur Versöhnung und Freundschaft.

2009 mahnten die katholischen Bischöfe Deutschlands und Polens zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Heute rufen beide gemeinsam zum Gebet für die Opfer und für Frieden auf. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) forderte im Zusammenhang mit dem Jahrestag zu mehr Engagement für ein friedliches Europa und erinnerte an die vielfältigen Kontakte zwischen deutschen und polnischen katholischen Bewegungen, die bereits dazu einen wichtigen Beitrag leisteten. ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper verwies hierbei auf das Maximilian-Kolbe-Werk und die Maximilian-Kolbe-Stiftung. Sie organisieren Hilfe für die Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos und leisten Beiträge zur Stärkung der Versöhnungsarbeit in ganz Europa. Mehr: „Deutsch-polnische Völkerversöhnung - Rückblick auf die Erklärung polnischer und deutscher Katholiken zum 1. September 1989“, in: Salzkörner, Materialien für die Diskussion in Kirche und Gesellschaft, 25. Jg. Nr. 4, August 2019. Zum Text: https://www.zdk.de/cache/25-Jg-Nr-4-47f3c7cf49a41b921261b74f09b89eff.pdf

Papst erinnerte an 80 Jahre Kriegsbeginn: Bei der Generalaudienz am Mittwoch hat auch Papst Franziskus an den Weltkriegsbeginn mit dem Überfall Deutschlands auf Polen vor 80 Jahren erinnert. Die Kirche bete um Frieden, „damit sich die von Hass gewirkten tragischen Ereignisse nie wiederholen“, sagte er in einem Gruß an polnische Pilger. Krieg bringe nur Zerstörung, Leiden und Tod: „Bitten wir Gott, dass Frieden herrsche in den Herzen der Menschen, in den Familien, den Gesellschaften und zwischen den Völkern“.

Sonntag, 01.09.2019