100 Jahre Kriegsende

von Stefan Klinkhammer

Sonntag, 04.11.2018

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Foto: Denkmal in St. Lorenzen / Südtirol. Foto: KiP-NRW

Im Monat November gibt es jede Menge Denk-Anlässe. Auch der 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges am 11.11.1918. Ein nachdrücklicher Appell darüber nachzudenken, was der Friede wert ist und was man auch heute für ihn tun kann ...

INFO: Der Erste Weltkrieg gilt als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”. In den Kriegsjahren 1914-1918 starben rund 17 Millionen Menschen, an dem bis dahin umfassendsten Krieg der Geschichte waren 40 Staaten beteiligt. Am 11. November 1918 unterzeichneten Vertreter des Deutschen Reiches, Frankreichs und Großbritanniens in einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiegne in Frankreich ein Waffenstillstandsabkommen. Zu diesem Anlass warnte jetzt der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck davor, kriegerische Konflikte zu verharmlosen. Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor rund 100 Jahren mahne, sich nicht in „trügerischer Sicherheit” zu wiegen, so Overbeck in einem Beitrag für die Oktober-Ausgabe des in Brüssel erscheinenden Magazins „EuropeInfos”. Dem „hohen Wert” des Friedens dürfe seine Bedeutung nicht abgesprochen werden. Gerade deshalb müssten aktuelle Debatten und die Art und Weise, wie sie geführt würden, „sehr nachdenklich” stimmen, so Overbeck, der auch Mitglied der EU-Bischofskommission COMECE ist. Während Modernisierungsprozesse zu Veränderungsdruck und damit Angst bei den Menschen führten, scheine ein allgemeiner „Vertrauensverlust” in die demokratischen Institutionen um sich zu greifen, so der Bischof. „Nationalismus und Populismus flammen neu auf, die Begeisterung für das europäische Projekt schwindet, die Sprache verroht, viele drohen abzustumpfen”. In vielem sei der Friede „neu” bedroht. Overbeck fordert, „konkrete Wege” für den Frieden zu bereiten: „In einer von Angst und Verzagtheit geprägten Zeit ist es Aufgabe der Kirche, zuversichtlich und hoffnungsvoll voranzuschreiten und für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.” (KNA)
Overbeck war am 24. Oktober Teilnehmer bei der Tagung der EU-Bischofskommission COMECE, die vom 24.-26. Oktober in Ypern und Brüssel tagte. Beim Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren forderten die COMECE-Bischöfe alle Menschen guten Willens dazu auf, bei der Förderung des Dialogs, einem Schlüsselelement für die Europäische Union als Friedensprojekt zusammenzuarbeiten. Ypern war Schauplatz grausamster Seiten des Konflikts. Hier feierten die Bischöfe der EU mit Hunderten von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern eine Heiligen Messe in der St. Martins Kathedrale. Das Gedenken wurde mit einem ökumenischen Gebet in der St. Georges Memorial-Kirche fortgesetzt, einem Besuch des Denkmal „In Flanders Fields", auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Langemark und dem Commonwealth-Friedhof Tyne Cot.

Kirche und Erster Weltkrieg: Während des Ersten Weltkriegs kämpften auch Millionen Katholiken auf allen Seiten gegeneinander. Dies stellte auch die katholische Kirche vor eine Zerreißprobe: Hatten viele katholische Bischöfe und Priester den Ausbruch des Kriegs zu Beginn noch begrüßt, ergab sich für den amtierenden Papst Pius X. eine schwierige Situation. Er starb wenige Wochen nach Kriegsbeginn und beim Konklave mussten sich die Kardinäle aus Deutschland und Frankreich auf einen Nachfolger einigen. Benedikt XV. verurteilte den Krieg als „entsetzlichen Wahnsinn”, versuchte immer wieder zwischen den verfeindeten Staaten zu vermitteln und schlug schließlich ein internationales Schiedsgericht vor.
Unser Gesprächspartner: Prof. Dr. phil. Karl-Joseph Hummel, war von 1993 bis 2015 Direktor der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn, Adenauerallee 19, 53111 Bonn, Tel. 0228 / 2674-300, Fax: 0228 / 2674-333, E-Mail: kommission@kfzg.de, Internet: www.kfzg.de

Stellungnahme der deutschen Bischöfe: Die Deutsche Bischofskonferenz veröffentlichte am 25. Juli 2014 aus Anlass des Beginns des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren die Erklärung „Den Egoismus der Staaten überwinden – die Ordnung des Friedens entwickeln”. Darin wiesen die Bischöfe besonders auf die Rivalität der Staaten und den überall in Europa grassierenden Nationalismus hin, setzen sich aber auch selbstkritisch mit den Mentalitäten und Verhaltensweisen der Katholiken – einschließlich vieler Bischöfe und Theologieprofessoren – auseinander. Nachdrücklich bekannten sich die Bischöfe zur „europäischen Integration”, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Antwort auf die Fragen war, „die der Erste Weltkrieg so nachdrücklich ins Bewusstsein gerufen hat”. In Gestalt der Europäischen Union sei „eine Friedensordnung geschaffen” worden, „die dem Recht den Vorrang vor der Stärke gibt” und Verhandlungen an die Stelle gewalttätiger Konfrontation setzt. „Gerade der Rückblick auf die Schrecken der Kriege sollte uns allen Ansporn sein, an diesem Projekt festzuhalten und jeden Rückfall in eine einseitig verstandene Nationalstaatlichkeit zu vermeiden”, forderten die Bischöfe: „Das europäische Projekt in diese Richtung zu entwickeln – dies ist eine der großen geschichtlichen Aufgaben unseres Jahrhunderts.” Zur Erklärung der deutschen Bischöfe: www.dbk.de. Dort finden Sie ebenfalls einen Diskussionsbeitrag der Bischöflichen Kommission Weltkirche zum Thema „Die Kirche und der Erste Weltkrieg” (https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2014/2014-123b_Diskussionsbeitrag-der-Kommission-Weltkirche.pdf) .

Buchhinweis: Martin Lätzel, „Die Katholische Kirche im Ersten Weltkrieg. Zwischen Nationalismus und Friedenswillen”, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014.

Ökumenischer Gottesdienst am 11. November 2018: Zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren laden die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) sowie das Erzbistum Berlin zu einem ökumenischen Gottesdienst ein. Dazu werden Repräsentanten der Kirchen Europas, Botschafter der Europäischen Länder, Bundestags- und Europaabgeordneten erwartet. Der Gottesdienst am 11. November 2018 um 10.00 Uhr im Berliner Dom steht unter dem Leitthema „Frieden in Europa“ und wird gemeinsam gefeiert mit Repräsentanten der Kirchen aus Europa. Im Anschluss an den Gottesdienst hält Günter Verheugen, ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Kommission, zum Friedensprojekt der Europäischen Union einen Vortrag zum Thema „Das ganze Europa soll es sein“. Schwerpunkt des Gottesdienstes ist die Charta oecumenica, die 2001 von der Konferenz Europäischer Kirchen in Europa gemeinsam mit dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen verabschiedet wurde. Die Kirchen in Europa sind sich darin ihrer besonderen Verantwortung für das Friedensprojekt bewusst und wollen in dem Gottesdienst diese gemeinsame Verantwortung noch einmal bekräftigen.
Bischof Dr. Markus Dröge (EKBO) wird predigen, Erzbischof Dr. Heiner Koch hält ein Totengedenken. An der Liturgie sind weiterhin beteiligt der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz, Metropolit Augoustinos von Deutschland (Bonn), Erzbischof Henryk J. Muszyński, Altprimas der katholischen Kirche von Polen (Gnesen), Erzbischof Dietrich Brauer, Evangelisch-lutherische Kirche europäisches Russland (Moskau), Bischof Jonathan Gibbs, Vorsitzender der Meißen-Kommission von England und EKD (Huddersfield), Bischof Waldemar Pytel, Evangelisch-Augsburgische Kirche Polen (Breslau), Erzpriester Veljko Gačić, Serbisch-Orthodoxe Kirche (Berlin), Pfarrer Pavel Pokorný, Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder, Stellv. Synodalsenior (Prag, Tschechien), Pfarrer Andreas Hartig, Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien (Zeiden/Codlea). Musikalisch gestaltet wird der Gottesdienst von Jugendchören aus Frankreich, Großbritannien und Russland: Knabenchor der Popov Chorkunstakademie Moskau, Tiffin Boys’ Choir Kingston, Les Petits Chanteurs de Lyon, Staats- und Domchor Berlin, der auch die musikalische Gesamtleitung hat.

Ausstellung im Niederrheinmuseum Wesel: Das Leben der Familie im Ersten Weltkrieg beleuchtet eine Ausstellung im Niederrheinmuseum Wesel. Vom 3. November bis zum 30. Dezember zeigt es fast 4.000 Objekte aus über 80 privaten Nachlässen aus der Zeit des vor 100 Jahren beendeten Krieges. „Unsere Familie im Ersten Weltkrieg“ stellt Fotos, Feldpost, Urkunden, Orden und andere Gegenstände vor, die Gewalt, Leid und die Not von Familien im Krieg dokumentieren und den Blick auf den Alltag der Soldaten und der Daheimgebliebenen werfen. Adresse: Niederrheinmuseum Wesel, An der Zitadelle 14-20, 46483 Wesel, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr, Eintritt 4,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder und Jugendliche frei.

Partnerschaft Paderborn & Les Mans: Über alle Krisen und Kriege zwischen Deutschland und Frankreich hinweg pflegt das Erzbistum Paderborn eine jahrhundertelange Freundschaft („Liebesbund ewiger Bruderschaft“) mit dem nordfranzösischen Bistum Le Mans – die Bistumspatrone Liborius und Julian machen es möglich: Sie begann, als im Jahr 836 von dort die Reliquien des heiligen Liborius nach Paderborn überführt wurden. Im Jahr 1243 gelangten auch Reliquien des heiligen Julian dorthin, der im 4. Jahrhundert erster Bischof der Diözese Le Mans war. Sie werden heute die heute im vorletzten Gelass des Reliquienretabels im Hochchor des Paderborner Domes aufbewahrt. Auf dem Reliquiar befindet sich eine Darstellung des Heiligen. Größere Julians-Darstellungen befinden sich im Chorgestühl und am Paradiesportal des Hohen Domes zu Paderborn.

Unser Gesprächspartner: Erzbischof Hans-Josef Becker, Jg. 1948, stammt aus Warstein-Belecke und beendete nach dem Abitur 1967 in Rüthen ein Lehramtsstudium für Grund- und Hauptschulen. Nach Referendariat und zweiter Staatsprüfung nahm er das Studium der Theologie und Philosophie in Paderborn und München auf. Er empfing die Priesterweihe am 11. Juni 1977, war Kaplan an der Mindener Dompfarrei St. Gorgonius und Petrus und St. Bonifatius Paderborn, Pfarrer und Dechant in St. Nikolaus Lippstadt, ab 1995 Leiter der Zentralabteilung Pastorales Personal im Erzbischöflichen Generalvikariat. Der Päpstlichen Ehrenprälat wurde 2000 zum Titularbischof von Vina und Weihbischof in Paderborn ernannt, war Bischofsvikar für Priesterfortbildung, 2002 Domkapitular, Diözesanadministrator und wurde 2003 Erzbischof von Paderborn. Seit 2006 ist Erzbischof Becker Vorsitzender der Kommission VII (Erziehung und Schule) der Deutschen Bischofskonferenz sowie in die „Gemeinsame Konferenz“ von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken. „Auf dein Wort hin“ lautet sein Wahlspruch, der aus dem Lukas-Evangelium stammt (Lk 5,5) ist. Mehr: www.erzbistum-paderborn.de

Sonntag, 04.11.2018