Arbeitsplatz Friedhof: Leben über Gräbern

von Carsten Griese

Sonntag, 08.07.2018

eine Friedhofsgärtnerin bei der Grabpflege
Friedhofsgärtner helfen bei der Planung und Gestaltung von Grabflächen und sorgen für eine jahreszeitliche Bepflanzung. (Foto: Gesellschaft deutscher Friedhofsgärtner (GdF), Bonn)

Weil ihre Eltern Friedhofsgärtner waren, ist Margitta Stehmeier quasi auf dem Friedhof aufgewachsen. Als Kind war der "Gottesacker" der evangelischen Gemeinde ihr Spielplatz. Heute ist er ihr Arbeitsplatz, denn auch sie ist Friedhofsgärtnerin geworden.

Margitta Stehmeier wurde 1958 geboren und wohnt seit über 50 Jahren direkt neben dem kleinen Dorffriedhof der evangelischen Kirchengemeinde Witten-Rüdinghausen. Über ihre Kindheit erzählt die heute 60jährige: "Wenn man so will, bin ich auf dem Friedhof aufgewachsen. Wer hat schon so’n großen Spielplatz? Wir hatten dort schöne Bäume, ich konnte immer rum klettern und in der Nachbarschaft gab es fünf, sechs Jungs - da bin ich mit groß geworden."

Ihre Eltern, die damals im Auftrag der Kirchengemeinde den Friedhof in Ordnung hielten, hatten immer ein waches Auge auf Margitta und ihre Freunde, und sie achteten darauf, dass das Spiel der Kinder nicht aus dem Ruder lief: "Wir durften nicht auf den Gruften spielen. Obwohl doch viele Gruften zu der Zeit noch mit so schönen weißen Kieselsteinen waren. Aber das durfte ich nicht. Nur mein Opa, der hat immer mal ein Auge zugedrückt. Vor meiner Mutter hatten wir Manschetten. Aber die hat ja auch nicht immer alles gesehen."

Margitta Stehmeier hat die große Freiheit ihrer Kindertage genossen. "Aber wenn Beerdigungen waren, dann war hier bei uns absolute Ruhe, dann durften wir Kinder überhaupt nichts machen, dann mussten wir stille sitzen." Später - als junges Mädchen – durfte sie bei der Arbeit auf dem Friedhof aber auch mit anpacken, erinnert sie sich: "Ich hab geholfen, wenn mein Vater ein Grab ausgehoben hat. Zu der Zeit wurde das es ja noch mit der Hand gemacht."

Eine Beerdigung wird Margitta Stehmeier wohl nie vergessen. Vereinsmitglieder trugen einen Kameraden zu Grabe, doch sie waren schon etwas älter und deshalb nicht mehr gut bei Kräften. Es kam, wie es kommen musste: Der Sarg glitt den Trägern aus den Händen und kam hochkant in der Grube zu stehen: "Mein Vater, zu der Zeit noch Friedhofsgärtner, hat dann zusammen mit den sechs Herren den Sarg in die richtige Lage gebracht. Ich weiß noch, dass der schwarze Anzug nicht mehr schwarz war, sondern der war komplett voll Lehm".

Am 1. Januar 1987 übernahm Margitta Stehmeier die Friedhofsgärtnerei von ihren Eltern. Seit 32 Jahren arbeitet sie nun selbst für die ev. Kirchengemeinde in Witten-Rüdinghausen und hält dort unter anderem den Friedhof in Ordnung. Erdbestattungen seien heute selten geworden, erzählt sie: "Die Friedhofskultur hat sich total verändert. Wer hätte vor 10, 15 Jahren schon gedacht, dass wir auf unserem Dorffriedhof so viele Urnenbeisetzungen haben? Und wer hätte gedacht, dass Anrufe kommen und gefragt wird: Was kostet eine Grabstelle? Was kostet eine Beisetzung? Früher undenkbar – heute ist das Gang und Gebe, dass man sich auch da nach Preisen erkundigt."

Sonntag, 08.07.2018