Luthers Thesenanschlag: Fakt oder Fake?

von Niko Sokoliuk

Sonntag, 23.07.2017

Luthers Thesenanschlag - Darstellung an einem Denkmal
Motivplatte "Der Thesenanschlag in Wittenberg" am Lutherdenkmal in Möhra

Am 31.10.1517 soll Martin Luther 95 Thesen an die Türe der Wittenberger Schlosskirche geschlagen und damit die Reformation ausgelöst haben. Haben tatsächlich ein paar Hammerschläge den Beginn der Neuzeit eingeläutet?

Über Jahrhunderte wurde in der Literatur wie auch in der Kunst das Bild des Hammer schwingenden Luthers von Generation zu Generation weitergegeben. Erst Anfang der 1960er Jahre kamen Zweifel an der Geschichte auf. So kam der katholische Kirchenhistoriker und Luther-Biograf Erwin Iserloh 1961 in seinem Buch "Luthers Thesenanschlag - Tatsache oder Legende?" zu dem Schluss, dass der Reformator seine Thesen zunächst gar nicht öffentlich gemacht habe. Vielmehr habe er sie am 31.10.1517 in Briefform an zwei Bischöfe und später noch an weitere Würdenträger und Theologen verschickt.

Luthers wollte mit den Adressaten eine akademische Disputation – also ein Streitgespräch – über den Ablasshandel und weitere Missstände in der kirchlichen Praxis führen. Als aber weder der Erzbischof Albrecht von Mainz noch der Bischof von Brandenburg auf sein Schreiben reagierten, habe Luther seine Thesen und damit sein Anliegen schließlich öffentlich gemacht, so Erwin Iserloh. Ähnlich sehen das auch einige andere Historiker.

Nach wie vor gibt es aber auch Experten wie den Luther-Biographen Joachim Köhler, die den Thesenanschlag für möglich und wahrscheinlich halten. Zum einen, weil es in der damaligen Zeit gängige Praxis war, Aufrufe und Bekanntmachungen verschiedenster Art an Kirchentüren anzubringen. Zum anderen berufen sie sich auf die Aussagen zweier Weggefährten Luthers. Die eine stammt von Luthers Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon (1497-1560). Er schrieb 1546 in einem Vorwort über Luthers Werke: "Und diese (Thesen) schlug er (Luther) öffentlich an der Kirche neben dem Schloss an am Vorabend des Festes Allerheiligen im Jahr 1517."

Als zweite historische Quelle wird eine erst im Jahr 2006 entdeckte Notiz von Georg Rörer gewertet, der als Sekretär für Martin Luther tätig war. In einem von dem Reformator selbst benutzten Neuen Testament berichtet auch Rörer in einer handschriftlichen Anmerkung über den Thesenanschlag: "Im Jahr 1517, am Vortag des Allerheiligenfestes, hat Doktor Martin Luther in Wittenberg an den Türen der Kirchen seine Ablassthesen bekannt gegeben". Diese Notiz stammt aus dem Jahr 1540, wurde also noch zu Luthers Lebzeiten verfasst und gilt unter den Befürwortern des Thesenanschlags als ältester Beleg für den Wahrheitsgehalt der Geschichte.

Kritiker halten dem entgegen, dass weder Melanchthon noch Rörer im Jahr 1517 in Wittenberg waren, sie seien damit keine Augenzeugen des Geschehens gewesen. Auch habe Luther selbst weder in seinen Tischreden noch an anderer Stelle von einem Thesenanschlag berichtet.

Sonntag, 23.07.2017