"Man weiß Bescheid, kann aber nichts tun"

von Dr. Brigitta Hildebrand & Manfred Rütten

Sonntag, 15.04.2018

Bauch einer Schwangeren mit aufgemaltem Baby
Schon lange bevor ein Baby das Licht der Welt erblickt, kann man durch vorgeburtliche Untersuchungen eine Menge über dessen Gesundheit in Erfahrung bringen.

Die bundesweite "Woche für das Leben" (14. bis 21.4.2018) der beiden großen Kirchen stellt diesmal das Thema Pränataldiagnostik in den Mittelpunkt. Die vorgeburtlichen Untersuchungen leisten immer mehr, aber die Therapiemöglichkeiten bleiben begrenzt.

Um dieses Dilemma weiß auch der Diplom-Theologe und Ethiker Matthias Heidrich vom Verein "Donum Vitae" in Köln. Einerseits sei die Pränataldiagnostik segensreich, denn dank ihr könnten heute "viele Kinder, viele Menschen leben, die es noch vor zehn, zwanzig, geschweige denn mehr Jahren nicht geschafft hätten." Andererseits würden die Therapiemöglichkeiten nicht mit den stetig verbesserten Diagnosemethoden Schritt halten. "Zum Beispiel: Gen-Auffälligkeiten kann man feststellen, aber Sie können dagegen eigentlich gar nichts tun. Und Eltern werden dadurch vor Entscheidungen oder in Konflikte gebracht, die es früher eben auch nicht so gab."

So sei es heute möglich, mit einem einfachen Test DNA-Bruchstücke und damit das Erbgut des ungeborenen Kindes im Blut der Mutter nachzuweisen und zu untersuchen. "Man kann anhand dieser Bluttests heute feststellen, ob die Trisomie 21, die Trisomie 18, Trisomie 13 vorhanden ist mit einer Sicherheitswahrscheinlichkeit von 95 bis 99 Prozent", so Matthias Heidrich. Behandelbar seien diese Auffälligkeiten aber nicht.

Befürworter der Bluttests führen u.a. ins Feld, dass sie andere Untersuchungsmethoden wie etwa die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) ersetzen können, die invasiver und damit für Mutter und Kind deutlich gefährlicher seien. Gegner weisen darauf hin, dass bereits jetzt etwa 90% aller Ungeborenen mit Trisomie 21 abgetrieben würden. Ein einfacher Bluttest könne diese Zahl noch weiter steigen lassen, befürchten Behindertenverbände. Und wenn er – wie diskutiert wird - zu einer Kassenleistung würde, wachse auch der Druck auf die werdenden Eltern, den Test machen zu lassen. Je nach Ergebnis stünden die werdenden Eltern dann vor der Entscheidung, ob sie das Kind abtreiben oder trotzdem austragen wollen.

In dieser Situation können Stellen der evangelischen Diakonie, von "ProFamilia" oder von Vereinen wie "Donum Vitae", die alle eine Schwangerschaftskonfliktberatung anbieten, eine wichtige Hilfe sein. Die eigens geschulten Mitarbeitenden – so Heidrich - würden die Frauen und Paare in ihrer Befindlichkeit und mit ihren Sorgen ernst nehmen. Für die Beratung gelte grundsätzlich: "Man kann das Leben eines Kindes niemals gegen und niemals ohne die Mutter schützen. Und deswegen hat die Beratung ergebnisoffen zu sein und wir sagen auch: Die Beratung ist allparteilich, weil sie das ungeborene Leben und das geborene Leben in Blick nimmt: Das Leben des ungeborenen Kindes, aber auch das Leben und die Lebensmöglichkeiten der Frau, des Paares oder der bereits existenten Familie."

Claudia Mühl-Wingen leitet die Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Sexualität und Pränataldiagnostik der Bonner Diakonie. Die dort angesiedelte "Beratung bei vorgeburtlicher Diagnostik" ist mit rund 300 Fällen pro Jahr die größte der vier Spezialberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen zum Thema. Auf die Frage "Was kann Beratung leisten?" antwortet Claudia Mühl-Wingen: "Sie gibt Menschen einen Reflexionsraum, einen Ausstieg aus der medizinischen Welt, aus dem Diagnoseverfahren. Beratung dient dazu, zu einer lebbaren Entscheidung zu finden", sagt Mühl-Wingen in einem Interview auf der Homepage der Evangelischen Kirche im Rheinland (ekir.de). "Pränataldiagnostik wurde dazu entwickelt, Leben zu schützen und zu retten." Es gebe zum Beispiel Erkrankungen, die, werden sie nicht entdeckt, ein Todesurteil bedeuten. "Aber wenn man es weiß, reicht eine OP, um dies abzuwenden." Auch Paare, bei denen ein Abbruch ansteht, kommen in die Beratung der Diakonie. "Eine solche Diagnose hat immer etwas Traumatisches. Es ist immer ein Schock", sagt Mühl-Wingen. "Je klarer die Frauen bzw. Paare wissen, was auf sie zukommt, desto besser. Es hilft, dass sie es verkraften." Das ganze Interview mit Claudia Mühl-Wingen finden Sie unter http://www.ekir.de/www/service/muehl-wingen30111.php

Eine ärztliche Beratung bieten auch Pränataldiagnostiker an, doch speziell die erwähnten Bluttests bergen nach Ansicht von Matthias Heidrich die Gefahr, "dass immer mehr die Labormedizin in den Vordergrund rückt, (…) ein technokratischer Vorgang, der ein Stück aus dieser Beratungsgeschichte rausgelöst wird." Außerdem verweist der Diplom-Theologe und Ethiker auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2008 in Kraft getreten ist. Sie besagt: Ein Leben mit Behinderung ist ein lebenswertes Leben, ein Leben, das auf alle Fälle einen Platz haben muss in der Gesellschaft. Daraus – so Heidrich – "entsteht meines Erachtens auch die gesellschaftspolitische Aufgabe, das Leben auch mit seinen Einschränkungen, auch mit Behinderungen generell zu schützen und sich immer klar zu machen: Im Letzten ist Leben unverfügbar. Also eine 1000%ige Absicherung - die gibt es nie. Die gibt es weder vor der Geburt, geschweige denn im Leben nach der Geburt."

Zudem werde in der Debatte um die Vor- und Nachteile der Pränataldiagnostik ein Punkt oft vernachlässigt oder gar vergessen: "Es ist ja nicht so, dass man die Untersuchungen alle machen MUSS – man KANN sie machen. Es gibt das Recht, Untersuchungen nicht zu machen und das damit verbundene Recht auf Nicht-Wissen. Das ist etwas ganz wertvolles." Mehr unter https://www.woche-fuer-das-leben.de/

Sonntag, 15.04.2018