Warum sich gerade junge Muslime radikalisieren

von Christoph Lefherz u. Manfred Rütten

Sonntag, 03.09.2017

junger Muslim auf einem Gebetsteppich verneigt sich zum Gebet.
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Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland lebt ihren Glauben friedlich.

Der Terroranschlag in Barcelona am 17. August dieses Jahres hat gezeigt, wie schnell sich scheinbar ganz normale Jugendliche radikalisieren können und dann zu Attentätern werden. Die Frage ist: Wie kommt es überhaupt dazu?

Bei der Suche nach Antworten gerät schnell das Internet ins Visier. Tatsächlich verbreiten Terrororganisationen wie der "Islamische Staat" (IS) ihre Hassbotschaften auch via Youtube-Video, WhatsApp-Nachrichten oder Facebook-Seiten. Hinzu kommen die Predigten zweifelhafter Imame, die in Hinterhof-Moscheen zum "Heiligen Krieg" aufrufen. Aber reicht das, um aus einem jungen Menschen einen fanatischen Mörder zu machen?

Dass gerade junge Leute so anfällig sind für islamistisches Gedankengut, wundert Nabil Hourani vom Menschenrechtsbüro Nürnberg nicht: "Wer in Deutschland aufwächst und Mustafa heißt, wird von den allermeisten nicht als Deutscher akzeptiert. Das heißt, in der Phase der Identitätsfindung, wo er vielleicht auch feststellt, dass er kein Türke oder kein Araber ist, weil er die Sprache vielleicht nicht spricht, weil der im Sommerurlaub bei der Familie darauf hingewiesen wird, dass er eigentlich auch dort nicht dazugehört, da bleiben im Prinzip nicht mehr viele Kategorien übrig, wie diese jungen Menschen sich identifizieren sollen. Und da kann natürlich dann wieder die Propaganda sehr gut ansetzen."

Nabil Hourani kennt das Gefühl, nicht dazu zu gehören aus seiner eigenen Vergangenheit: "Ich wurde von Anfang an von Lehrern und Mitschülern in die Schublade »Ausländer« gesteckt. Obwohl ich in Deutschland geboren bin, obwohl deutsch meine Muttersprache ist." Auf seiner Suche nach Heimat und Anerkennung wurde er schließlich doch noch fündig: "Ich hatte das große Glück, dass in der Kleinstadt, wo ich aufgewachsen bin, ein autonomes Jugendzentrum war, wo ich einfach akzeptiert wurde als der, der ich bin."

Die Gefahr, dass sich junge Muslime radikalisieren, könnte demnach vermindert werden, wenn sie von der Mehrheitsgesellschaft stärker akzeptiert würden und hier ihren Platz finden könnten. Das allein wird aber nicht reichen, meint der Psychologe und Soziologe Ahmad Mansour in einem Interview auf web.de . Viele muslimische Jugendliche hätten in der Vergangenheit Einstellungen und Werte von ihren Eltern übernommen, sie aber sehr viel strenger interpretiert. Das führe heute zu schweren Problemen:

"Wenn Jugendliche Andersgläubige abwerten, wenn sie nicht gelernt haben, kritisch zu denken, wenn Jugendliche bestimmte Geschlechterrollen in sich tragen, wenn sie ihre Religion als ausschließliche Ideologie sehen, dann darf das in einer demokratischen Gesellschaft natürlich nicht hingenommen werden. Das bedeutet nicht, dass diese breite Masse an Jugendlichen, die ich »Generation Allah« nenne, vom Verfassungsschutz beobachtet werden muss. Aber das sind Jugendliche, die wir unbedingt erreichen müssen und die wir leider in der aktuellen Debatte vergessen haben, weil wir nur über diejenigen reden, die nach Syrien und in den Irak gehen."

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Sonntag, 03.09.2017