Wie sich die Kirche um Gleichstellung bemüht

von Magnus Anschütz

Sonntag, 03.09.2017

Figuren ringen mit den biologischen Symbolen für 'männlich' und 'weiblich'
Bundesweit gibt es in den Leitungsgremien der 14.000 evangelischen Kirchengemeinden 66.000 Frauen und 60.000 Männer. In den 20 Landessynoden dominieren jedoch 1.200 Männer gegenüber 700 Frauen. (Alle Zahlen gerundet)

Beim Begriff "Gender" stellen sich bei vielen die Nackenhaare auf. Die einen sehen radikale Feministinnen am Werk, die anderen sind genervt von vermeintlich übertriebener "political correctness". Was steckt wirklich hinter "Gender"?

Allgemein gesprochen geht es dabei um die Gleichstellung bzw. Gleichbehandlung der Geschlechter, wobei es weniger um das rein biologische Geschlecht geht, das im Englischen "sex" genannt wird. Im Fokus steht vielmehr das soziale Geschlecht. "Gender" meint also die durch die Sozialisation des Einzelnen geprägte Geschlechterzugehörigkeit bzw. Geschlechtsidentität. Anders gesagt: neben der rein biologischen Komponente beinhaltet das Geschlecht eines Menschen auch soziale, kulturelle und politische Anteile (Erziehung, Rollenverhalten, Rollenerwartungen, Mode etc.).

Die Unterscheidung zwischen "sex" und "gender" geht zurück auf die Frauen- und Geschlechterforschung der 1980er Jahre. Die Berliner Humboldt-Universität richtete 1997 als erste Universität in Deutschland einen transdisziplinären Hauptfachstudiengang Geschlechterstudien ("Gender Studies") ein, um die Entwicklungen von Geschlechterverhältnissen wissenschaftlich zu untersuchen. Weltweit wurde und wird zu dem Thema geforscht. Allerdings hat Gender inzwischen den Weg aus dem akademischen Elfenbeinturm gefunden und spielt auch in politischen und alltagsweltlichen Diskussionen eine Rolle.

Auf der Internetseite genderkompetenz.info der Berliner Uni heißt es dazu: "Praktisch-politische Ausprägungen und Wirkungen von Gender zeigen sich in vier Dimensionen:

  1. die Repräsentation in Politik und Gesellschaft (z.B. Beteiligung an Entscheidungen, öffentliche und private Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern)
  2. die Lebensbedingungen (z.B. Wohlstand, Armut, Betroffenheit von Gewalt und Ausgrenzung)
  3. die Ressourcen (z.B. Verteilung von Zeit, Geld, Mobilität oder Information) und
  4. die Normen und Werte (z.B. Stereotype, Rollenzuweisungen, Bilder, Sprache)."

Neben vielen anderen Behörden und Institutionen hat beispielsweise auch die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) auf die Entwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte reagiert. Aus dem landeskirchlichen Frauenreferat wurde die Abteilung "Gender und Gleichstellung", die vom Düsseldorfer Landeskirchenamt aus die Gleichstellung von Männern und Frauen auf allen Ebenen der Kirche fördern will (Landekirche, Kirchenkreise und Gemeinden).

Ein wichtiges Instrument ist dabei die Sprache, erklärt die Soziologische Dezernentin im Genderreferat, Beate Ludwig. Ihre Abteilung habe u.a. dafür gesorgt, dass alle landeskirchlichen Texte in geschlechtergerechter Sprache verfasst werden: "Das ist ein Zeichen von Bewusstsein, aber auch von Wertschätzung. Wenn ich jemanden in meiner Sprache nicht berücksichtige, dann bringe ich ihm auch keine Wertschätzung entgegen."

Wer etwa stets nur von "den Pfarrern" schreibt und redet, der unterschlägt, dass es auch "Pfarrerinnen" gibt. Aber der Gender-Stelle geht es nicht nur um Sprache. Es geht auch um ganz alltägliche Abläufe in den Gemeinden, in Ausschüssen oder in der Kirchenleitung, sagt Beate Ludwig: "Wie laufen Sitzungen ab? Zu welchen Zeiten finden Sitzungen statt? Und wie suchen wir Menschen für unsere Gremien? Welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir denken »Wir brauchen jemanden für einen Kreissynodalvorstand.« Haben wir dann das Bild eines gesetzten, älteren Herren im Kopf (…) oder kommt uns in den Kopf die junge Sparkassenangestellte, die (…) mal eine ganz neue Sichtweise einbringen würde?"

Gleichstellung ist allerdings keine Einbahnstraße, auf der Frauen überall Vorfahrt haben. Die Abteilung Gender und Gleichstellung hat deshalb immer auch die Männer mit im Blick, sagt Beate Ludwig. Da gibt es auf einigen Gebieten großen Nachholbedarf: "Wenn Sie als alleinstehender Mann in eine Stadt ziehen und sie suchen ein kirchliches Angebot und Sie sind irgendwie zwischen 35 und 50 - ich glaube nicht, dass sie was finden werden. Wenn Sie Kinder haben, gibt es vielleicht eine Väter-Kind-Gruppe oder Sie können sich im Kindergarten engagieren. Ansonsten gibt es sehr, sehr wenig Angebote. Also wir müssen wirklich gucken, dass wir eine Kirche sind für alle und nicht nur für einen kleinen Teil."

Die Rechnung ist einfach: Je breiter die Basis ist, desto besser sind auch die Zukunftsaussichten für die Kirche. Deshalb müsse sie die eingeschlagenen Wege der Gleichstellung weiter gehen, meint Beate Ludwig: "Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiges Ziel der Kirche - zum Beispiel die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Leitungsämtern oder attraktive Möglichkeiten zum Ehrenamt für Männer, damit unterschiedliche Gaben sich ergänzen."

Nicht zuletzt auch aus theologischen Gründen muss und will sich die Kirche um Gleichstellung bemühen. Denn schon auf den ersten Seiten der Bibel wird berichtet, dass Gott Adam und Eva gleich geschaffen hat: "Und er schuf sie zu seinem Bilde als Mann und Frau". Beide Geschlechter sind demnach Gottes Ebenbilder und sollten schon deshalb beide gleich behandelt werden.

Sonntag, 03.09.2017