Helmut Kohl: Christ und Europäer

von Dr. Christof M. Beckmann

Sonntag, 18.06.2017

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Dr. Helmut Kohl 2012 / Bild: Konrad Adenauer Stiftung - Marie-Lisa Noltenius, Collage KIP

Er polarisierte und regierte. 16 Jahre als Kanzler. Nach einem Leben in der Politik mit allen seinen Höhen und Tiefen, war nun das Echo auf seinen Tod groß: am Freitagmorgen ist Altkanzler Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben. ...

Papst würdigt Kohl als „großen Staatsmann“

Vatikanstadt (KNA) Papst Franziskus hat Helmut Kohl als „großen Staatsmann und überzeugten Europäer“ gewürdigt. Der verstorbene frühere Bundeskanzler habe „mit Weitblick und Hingabe für das Wohl der Menschen in Deutschland und der europäischen Nachbarn gearbeitet“, heißt es in einem Beileidstelegramm des Papstes, das der Vatikan am Samstag veröffentlichte. Franziskus lobt darin Kohls „unermüdliches Wirken für die Einheit Deutschlands und die Einigung Europas sowie seinen Einsatz für Frieden und Versöhnung“.

In dem an Bundeskanzlerin Angela Merkel adressierten Schreiben bekundet der Papst zudem der Familie des Verstorbenen sowie dem „ganzen deutschen Volk“ seine „aufrichtige Anteilnahme“. Die Nachricht von Kohls Tod habe ihn „tief bewegt“. In einem Gespräch mit Merkel hatte Franziskus am Samstag der Bundeskanzlerin im Vatikan auch persönlich sein Beileid ausgedrückt.

 

Kardinal Marx würdigt verstorbenen Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl: „Dankbar für das christliche Zeugnis“

Bonn/München, 16. Juni 2017. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat den verstorbenen Bundeskanzler a. D. der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Helmut Kohl, als Persönlichkeit mit historischem Weitblick gewürdigt. Im Namen der Deutschen Bischofskonferenz sprach Kardinal Marx der Witwe des Verstorbenen seine Anteilnahme aus. Mit dem Tod von Helmut Kohl gehe eine Ära zu Ende, schreibt Kardinal Marx in einer Kondolenz. „Die Kirche in Deutschland ist dankbar für das christliche Zeugnis von Helmut Kohl. Wo die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft mit den Füßen getreten wurden – wo auch immer auf der Welt –, da setzte er sich für die Beachtung dieser Werte ein. Europa wollte und konnte er aus seinen christlich geprägten Überzeugungen heraus gestalten. Dabei war es dem Verstorbenen ein großes Anliegen, auf der Grundlage der Katholischen Soziallehre für eine Soziale Marktwirtschaft einzutreten, die den Menschen in den Vordergrund stellt“, so Kardinal Marx.

Bundeskanzler Kohl sei ein regelmäßiger Gast auf Katholikentagen gewesen und habe sich oft Rat bei Theologen geholt. So sei beispielsweise Kardinal Karl Lehmann ein wichtiger theologischer Wegbegleiter des Verstorbenen gewesen, schreibt Kardinal Marx. Die Kirche sei dankbar dafür, „dass Helmut Kohl mit visionärer Kraft, mit Mut, Beharrlichkeit und großem Verhandlungsgeschick die Einheit Deutschlands befördert und mit anderen herbeigeführt hat. Zugleich wurde er zum Kanzler der ‚europäischen Idee‘. Am Wachsen eines geeinten Europas ohne Grenzen hatte er großen, ja entscheidenden Anteil. Bundeskanzler Helmut Kohl war ein überzeugter und großer Europäer.“

In seiner Würdigung erinnert Kardinal Marx auch an die Begegnungen von Bundeskanzler Kohl mit Papst Johannes Paul II. bei dessen Deutschlandbesuchen 1987 und 1996. „Es war eine historische Stunde, als Helmut Kohl mit Papst Johannes Paul II. 1996 durch das Brandenburger Tor schritt“, so Kardinal Marx. Unvergessen seien bis heute die wegweisenden Worte des Bundeskanzlers, die er damals am Brandenburger Tor gesprochen habe:

„Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, sonst schlägt sie in neue Formen der Abhängigkeit um. Gelebte Verantwortung braucht die Besinnung auf das eigene Gewissen, auf den Mitmenschen und vor allem auf Gott. Gerade in diesem Sinne ist die Stimme der christlichen Kirchen auch in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft unverzichtbar. Die Frohe Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung und Halt. Ich wünsche mir, dass von diesem Papstbesuch in Deutschland ein Signal ausgeht – ein Signal der Ermutigung für Christen, Verantwortung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Christenpflicht und Bürgerpflicht sind nicht voneinander zu trennen! Das gilt nicht zuletzt für den Bau des vereinten Europa!“

Kardinal Marx erinnert in der Kondolenz auch an die herzliche Begegnung mit Papst Benedikt XVI., als dieser 2011 Deutschland besuchte. „Die katholische Kirche in Deutschland verneigt sich vor dem Verstorbenen in Trauer, Anerkennung und Dankbarkeit. Das Handeln Helmut Kohls war vom christlichen Menschenbild geprägt, das ihn so sehr für seine Arbeit gestärkt hat.“ (ps)

Mehr: Erzbistum München und Freising, https://www.erzbistum-muenchen.de/news/bistum/Kardinal-Marx-wuerdigt-verstorbenen-Bundeskanzler-a-D-Helmut-Kohl-31172.news

 

Kirchen würdigen Kohl als engagierten Christen und Europäer

Bonn/Vatikanstadt (KNA) Papst Franziskus und Vertreter der beiden großen Kirchen in Deutschland haben die Verdienste von Altbundeskanzler Helmut Kohl gewürdigt. Der am Freitag gestorbene CDU-Politiker habe sich als Christ für Frieden, Wiedervereinigung und Europa eingesetzt, hieß es. Der Zentralrat der Juden verwies darauf, dass Kohl den Weg für die Einwanderung von Juden in die Bundesrepublik frei gemacht und somit wesentlich zu einer neuen Blüte der jüdischen Gemeinschaft beigetragen habe. Papst Franziskus bekundete Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Samstag bei deren Besuch im Vatikan sein Beileid. Er habe ihn als großen Staatsmann gewürdigt, so Merkel.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bezeichnete den Altkanzler am Freitagabend als Persönlichkeit mit historischem Weitblick. Mit seinem Tod gehe eine Ära zu Ende. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, erklärte, Kohl habe in entscheidenden Augenblicken der Geschichte Deutschlands und Europas «unschätzbar viel für unser Gemeinwesen geleistet».

Marx betonte, die Kirche in Deutschland sei dankbar für das christliche Zeugnis von Helmut Kohl. So sei es dem Verstorbenen ein großes Anliegen gewesen, auf der Grundlage der Katholischen Soziallehre für eine Soziale Marktwirtschaft einzutreten. ZdK-Präsident Sternberg erklärte, für den Politiker und Staatsmann Kohl sei sein christlicher Glaube «stets Fundament und Orientierung» gewesen. Geprägt von den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit, habe er sich mit Weitblick der Verständigung unter den Völkern Europas gewidmet.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) würdigte Kohls «Weitblick mit Realismus». Er habe «Visionen mit Freundschaft» verbunden, so der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, am Samstag in einem gemeinsamen Kondolenzschreiben. «Ohne das Vertrauen, das Helmut Kohl bei vielen Politikern in aller Welt genoss, wäre die deutsche Einheit nicht so schnell und so friedlich zustande gekommen.»

Der katholische Berliner Erzbischof Heiner Koch hob Kohls Verdienste um die Einheit Deutschlands und Berlins hervor. «Als Papst Johannes Paul II. mit Helmut Kohl durch das Brandenburger Tor schritt, bedeutete das die Vollendung der Deutschen Einheit und das Ende des Kalten Kriegs», sagte er. «Gerade auch als das Bistum, das so sehr unter der Teilung Berlins gelitten hat, wissen wir, was wir dem Berliner Ehrenbürger zu verdanken haben.»

Der Speyrer katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann verwies auf das Engagement Kohls für den Kaiserdom der Stadt. Als Kanzler hatte Kohl Staatsgäste nach Speyer geführt, darunter Margaret Thatcher, Michael Gorbatschow, George Bush, Vaclav Havel, Boris Jelzin und Spaniens König Juan Carlos. Wiesemann betonte, am Beispiel des Domes habe Kohl die Rolle des christlichen Glaubens für ein Zusammenleben in Gerechtigkeit und Frieden in Deutschland, Europa und der Welt verdeutlichen wollen.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker sagte, der Mensch, Politiker und Staatsmann Kohl habe zu Recht die oft zitierte Charakterisierung «lebendes Denkmal» getragen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck erinnerte an Kohls Herkunft: Persönliche und familiäre Erfahrungen und Schicksalsschläge während des Zweiten Weltkriegs hätten sein Wirken deutlich geprägt. Als «Kanzler der deutschen Einheit und großen Europäer» bezeichnete der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst den Altbundeskanzler.

Sonntag, 18.06.2017