Der Papst in Schweden

von Stefan Klinkhammer

Sonntag, 23.10.2016

Der Papst in Schweden

In einer Woche reist Papst Franziskus ins schwedische Lund. Er wird dort am ökumenischen Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren teilnehmen. Was erwarten die Katholiken in Schweden von dem Besuch? Fragen an P. Marc-Stephan Giese SJ aus Stockholm...

INFO: Am 31. Oktober 2017 jährt sich die Veröffentlichung der berühmten Ablassthesen durch Martin Luther (1483-1546) zum 500. Mal. Das Ereignis gilt als Beginn der Reformation. Zum gemeinsamen lutherisch-katholischen Gedenken der Reformation vor 500 Jahren reist Papst Franziskus vom 31. Oktober bis 1. November nach Schweden.

Die Apostolische Reise beginnt am Montag, 31. Oktober, nach der Landung um 11 Uhr auf dem Internationalen Flughafen Malmö mit einer offiziellen Willkommenszeremonie mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven. Gegen 14 Uhr trifft Papst Franziskus zu einem Höflichkeitsbesuch bei der königlichen Familie im Königlichen Palast in Lund ein, für 14.30 Uhr ist ein gemeinsames ökumenisches Gebet in der lutherischen Kathedrale von Lund mit Predigt des Papstes geplant. Der zentrale ökumenischen Gedenkgottesdienst mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan in der evangelischen Domkirche wird live in die Malmö-Arena übertragen, die Platz für 10.000 Besucher bietet. Die Feier ist zugleich der Eröffnungsakt für das Jubiläumsjahr „500 Jahre Reformation“ und den 70. Gründungstag des Lutherischen Weltbundes im schwedischen Lund. Um 16.40 Uhr gibt es im Stadion eine Ökumenische Veranstaltung mit Rede des Papstes und dort ab 18:10 Uhr eine Begegnung mit ökumenischen Delegationen. Erster Termin am Dienstag, 1. November, ist um 9.30 Uhr die Eucharistiefeier im Swedbank-Stadion Malmö mit Predigt des Papstes, bevor um 12.30 Uhr die offizielle Verabschiedung auf dem Internationalen Flughafen Malmö beginnt. Gegen 15.30 Uhr wird der Papst auf dem römischen Flughafen Rom-Ciampino zurückerwartet.

Dossier des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken zur Apostolischen Reise von Papst Franziskus unter: http://www.bonifatiuswerk.de/topmenue/presse/pressematerial/2016/papst-in-schweden/

500 Jahre Reformation: 2017 erinnern die Christen an den 500. Jahrestag der Reformation. Der legendäre Thesenanschlag durch Martin Luther (1483-1546) am 31. Oktober 1517 gilt als Auftakt für den weltgeschichtlich bedeutsamen Prozess, an dessen Ende die westliche Kirchenspaltung stand. Das bevorstehende Gedenkjahr soll nach dem Willen aller Kirchen erstmals deutlich ökumenisch geprägt sein: Die christlichen Kirchen wollen im Gedenkjahr 2017 die Kernanliegen und Impulse der Reformation fruchtbar machen. Dazu gehörten der Bezug auf die Bibel, die Ausrichtung an der Gnade Gottes sowie das Priestertum aller Gläubigen. Auch die Kirchenspaltung und ihre „leidvollen Folgen“ sollten bedacht werden, so die ökumenische Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), die rund 50 Millionen Christen in Deutschland repräsentiert. Unter dem Motto „Versöhnt miteinander“ entwirft das Wort Perspektiven und Zugänge auf die Feier des Reformationsjubiläums als Christusfest. „Wir müssen eingestehen, als Christen aneinander schuldig geworden zu sein.“ Man ermutige alle christlichen Gemeinden, das Gedenkjahr 2017 ökumenisch zu begehen. Der 1948 gegründeten Arbeitsgemeinschaft gehören 17 Kirchen an, sechs weitere sind Gastmitglieder, vier ökumenische Organisationen haben Beobachterstatus. Kontakt: Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, Ökumenische Centrale, Ludolfusstraße 2-4, 60487 Frankfurt, Internet: http://www.oekumene-ack.de/aktuell/

Das gemeinsame Reformationsgedenken 2017

An den Feierlichkeiten in Lund nimmt von deutscher Seite auch der Vorsitzende der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), teil. Der DBK-Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx predigt am 30. Oktober 2016 in der Evangelischen Christuskirche in Rom und nimmt am nächsten Tag an der offiziellen Auftaktveranstaltung der EKD in Berlin teil, bei der Kardinal Karl Lehmann die Martin-Luther-Medaille verliehen wird.

Nach einem Briefwechsel zwischen dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Marx wird 2017 als ein gemeinsames Christusfest begangen. Noch vor der Eröffnung des Reformationsjahres pilgerten je neun Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD vom 16.-22. Oktober 2016 ins Heilige Land zu den Ursprungsorten des christlichen Glaubens, um sich auf den Spuren Jesu trotz aller Trennungen ihrer Verbundenheit zu erinnern. Eine weitere gemeinsame Glaubensquelle, die Heilige Schrift, steht im Vordergrund einer Bibeltagung am 9. Februar 2017 in Stuttgart. Höhepunkt der gemeinsamen Verabredungen soll ein Versöhnungsgottesdienst am 11. März 2017 in der Michaeliskirche in Hildesheim sein. Das am 16. September 2016 vorgestellte Gemeinsame Wort zum Jahr 2017 „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ beschreibt der Text theologische Schlüsselbegriffe und Erinnerungsorte, die das kollektive Gedächtnis bis heute prägen, um gleichzeitig auf die Fortschritte der ökumenischen Bewegung zu schauen, die offenen Fragen in den Blick zu nehmen und Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Die gemeinsamen Herausforderungen, die sich den Christen in der Gesellschaft stellen, sollen in einer ökumenischen Tagung in Verantwortung des Deutschen Evangelischen Kirchentags, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz gegen Ende des Reformationsjahres am 16. September 2017 in Bochum bedacht werden.
LINKS:
Statement von Kardinal Reinhard Marx bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gemeinsamen Wortes „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“
Statement von Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gemeinsamen Wortes „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“
Übersicht über ökumenische Initiativen im Vorfeld und im Jahr 2017

Unser Gesprächspartner: Pater Marc Stefan Giese SJ, im Jahre 1978 in Celle geboren, Abitur am Gymnasium Ernestinum, Zivildienst in der Behinderteneinrichtung Lobetal in Celle, Studium der Philosophie und Theologie als Seminarist für das Bistum Hildesheim in Frankfurt-Sankt Georgen und Cochabamba (Bolivien), Abschluss mit einer Diplomarbeit über die Musik in den Jesuitenreduktionen Lateinamerikas. 2004 Eintritt in die Gesellschaft Jesu, Noviziat in Nürnberg, Erste Gelübde, für zwei weitere Jahre Arbeit in der Jugendabteilung der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus. Ab 2008 mit einer Arbeit über Giorgio Agamben Lizenziat in Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Diakonweihe im April 2010, ab August 2010 Lehrer und Seelsorger am Aloisiuskolleg der Jesuiten in Bonn-Bad Godesberg, Priesterweihe am 2. Oktober 2010 im Hamburger Mariendom durch Erzbischof Dr. Werner Thissen. P. Giese ist seit seiner Berufung nach Schweden Direktor des Jesuit Refugees Service (JRS) für Schweden und als katholischer Universitätspfarrer verantwortlich für die Catholic University Chalaincy (CUC) in Stockholm (http://www.universitychaplain.se/). Kontakt: Jesuiterna i Stockholm, Kungsträdgårdsgatan 12, 111 47 Stockholm, Tel. 08-505 780 06, E-Mail: marc-stephan.giese@jesuiten.org, info@universitychaplain.se, Internet: http://jesuiterna.se.

Katholische Kirche in Schweden

Das Bistum Stockholm ist das einzige römisch-katholische Bistum in Schweden und erstreckt sich über das gesamte Staatsgebiet. In 44 Pfarreien leben etwa 115.000 Katholiken unter rund 9,8 Millionen Einwohnern, die von 164 Priestern, 164 Ordensschwestern und etwa einem Dutzend Diakone pastoral betreut werden. Seit 1998 ist als erster Schwede der Karmelit Anders Arborelius OCD Bischof von Stockholm. Mehr als 80 Prozent der Katholiken leben im Großraum Stockholm, Göteborg und Südschweden. Die katholische Kirche in dem skandinavischen Land ist eine Einwandererkirche: 80 Nationalitäten, Gottesdienste in 26 Sprachen, neun verschiedene Riten: mehr als 100.000 Kirchenmitglieder in Schweden besitzen einen Migrationshintergrund. Mit den Flüchtlingswellen der vergangenen Jahre suchten zunehmend orientalische Christen in Schweden Asyl, aus Syrien, dem Irak oder auch aus Eritrea.

Vorläufer des heutigen Bistums war das am 23. September 1783 aus dem aus Schweden, Norwegen und Finnland bestehende Apostolischen Vikariats des Nordens ausgegründete Apostolische Vikariat Schweden. Das Vikariat wurde am 29. Jun 1953 mit der Bulle Profecit valde durch Papst Pius XII. zum Bistum erhoben, zwei Jahre nachdem in Schweden das Gesetz zur Religionsfreiheit 1951 verabschiedet worden war. Erzbistum Stockholm im Internet: http://www.katolskakyrkan.se/en; Katholische Kirchengemeinde Sankta Eugenia in Stockholm, Kungsträdgårdsgatan 12 Stockholm, Tel. +46 8 6795771, E-Mail: exp@sanktaeugenia.se, Internet: www.sanktaeugenia.se. Die Pfarrei Sankt Eugenia ist einer der beiden Standorte der Jesuiten in Schweden; in der Pfarrei wohnen und arbeiten sechs Jesuiten, Leiter der Pfarrei ist P. Dominik Terstriep SJ.

Jesuiten: Die „Gesellschaft Jesu“

Der Jesuitenorden ist die größte männliche Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche. Gründer der „Gesellschaft Jesu“, so die offizielle Bezeichnung in Anlehnung an den lateinischen Namen „Societas Jesu“ (SJ), ist der Spanier Ignatius von Loyola (1491-1556). Mit dem Leitsatz „Alles zur größeren Ehre Gottes / Omnia ad majorem Dei gloriam” beschloss er, eine religiöse Gesellschaft zu gründen. Nach einer Pilgerfahrt ins Heilige Land besuchte er die Hochschulen von Barcelona, Alcala und Salamanca, zuletzt in Paris und gründete hier mit Gesinnungsgenossen den Jesuitenorden, den er bedingungslos dem Papst unterstellte. Nach seiner Priesterweihe in Venedig wurde Ignatius zum Generaloberen der 1540 durch Papst Paul II. bestätigten „Societas Jesu / Gesellschaft Jesu”. Neu war auch, dass der Orden kein Kloster besaß und die Mönche keinen Habit trugen. Charakteristisch war eine hochkarätige Ausbildung, die nicht nur Theologie umfasste. Revolutionär für damalige Verhältnisse, so dass sich Ignatius mehrfach vor der spanischen Inquisition rechtfertigen musste und mehrere Monate im Gefängnis verbrachte. Umstritten von Anfang an, entwickelte sich der im Zeitalter der Gegenreformation wichtige Orden (Motto: „Gott in allem finden) von Europa auch nach Südamerika und Asien. Beim Tod von Ignatius am 31. Juli 1556 zählte der Orden bereits mehr als 1.000 Mitglieder und besaß über 100 Niederlassungen. Ignatius wurde in der Kirche II Gesù in Rom begraben und 1622 heilig gesprochen; sein Fest wird am 31. Juli gefeiert.

Der einflussreiche Orden wurde in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts aus immer mehr europäischen Ländern gewaltsam vertrieben. Papst Klemens XIV. wies 1773 auf frühere Verdienste des Ordens hin, veröffentlichte aber ein Aufhebungsdekret im Sinne des Friedens und zur Vermeidung von Streit und Zwietracht innerhalb der Kirche. 1814 erfolgte die Wiedergründung der Gesellschaft Jesu mit der päpstlichen Bulle „Sollicitudo omnium ecclesiarum” durch Papst Pius VII..

Jesuiten sind keine Mönche; sie führen kein Klosterleben und tragen keine Ordenskleidung. Neben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verpflichten sie sich in einem vierten Gelübde zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst. Zudem legen sie ein Zusatzversprechen ab, nicht nach kirchlichen Ämtern zu streben. Aufgabenfelder sind bis heute traditionell Schulen, Universitäten und Priesterausbildung, seit einiger Zeit auch die Medienarbeit. Im deutschen Sprachraum besuchen rund 6.000 Menschen Bildungseinrichtungen in Trägerschaft der Jesuiten, darunter Gymnasien in Bonn, Sankt Blasien, Berlin, Hamburg, Linz und Wien. Hinzu kommen philosophisch-theologische Fakultäten in Frankfurt, Innsbruck und München. Ihre römische Hochschule, die „Gregoriana“, ist die renommierteste unter den Päpstlichen Universitäten.

An der Spitze der Gesellschaft Jesu, die in 125 Ländern vertreten ist, steht ein Ordensgeneral mit Sitz in Rom. Der Orden ist in 85 Provinzen eingeteilt, die jeweils von einem Provinzoberen, dem Provinzial, geleitet werden. Im Interesse einer hohen Mobilität leben die Jesuiten nicht ortsgebunden in Klöstern, sondern - entsprechend ihrer Aufgaben und Einsatzgebiete - in ordenseigenen Einrichtungen und Häusern, die wiederum einen Hausoberen haben. Der derzeitige Papst Franziskus ist der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri. Vor wenigen Tagen wurde der Venezolaner Arturo Sosa Abascal (67) zum 31. Generaloberen des Ordens gewählt. Internet: www.jesuiten.de.

Sonntag, 23.10.2016